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Was für ein Leben!

Die Geschichte der Marie-Luise Plener-Huber

Nach dem Lesen des ersten Teils ist man neugierig auf die angekündigten weiteren Teile dieser »Familiensaga«. Die von der Herausgeberin selbst derart bezeichneten Lebensgeschichten einer Familie im 20. Jahrhundert sind beeindruckend, erschüttern und bestärken zugleich den Respekt vor jenen Frauen und Männern, die sich aus Überzeugung der kommunistischen Bewegung angeschlossen haben und ihr trotz vieler böser Enttäuschungen treublieben – enttäuscht gerade auch über, wie Ulla Plener schreibt, »karriereorientierte und machtbesessere Führer«, die ursprüngliche emanzipatorische Ideale in einem »antiemanzipatorischen Parteikommunismus« erstickten.

Die Berliner Historikerin, die in der biografischen Forschung Name und Ruf hat, hat sich der Geschichte ihrer Mutter angenommen: Marie-Luise Plener-Huber. Die weltbewegenden Ereignisse in deren Kindheit in Essen, wo sie als Tochter eines Krupp-Arbeiters geboren worden ist, werden vornehmlich anhand der Erinnerungen des Bruders Robert reflektiert: nationalistische Hysterie zu Ausbruch des Ersten Weltkrieges und Revolution. Im Jahr der Weltwirtschaftskrise wurde Marie-Luise, beeinflusst durch ihre Brüder, Mitglied der KPD. Sie war im Arbeiter-Wassersportverein und im Frauenausschuss der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition (RGO) tätig. Ihren späteren Mann Kurt Plener lernte sie im Winter 1931/32 bei einem Treffen der Arbeitersportler an der deutsch-tschechischen Grenze kennen.

Nach dem Machtantritt der Nazis muss die kleine Familie – Tochter Ulla ist geboren – emigrieren. Über Stockholm und Kopenhagen nach Moskau, wohin auch die Familie von Bruder Robert flüchtet. Marie-Luise studiert an der Kommunistischen Universität für nationale Minderheiten des Westens, besucht die Schule der Abteilung Internationale Verbindungen der Komintern, kurz: OMS, über deren Verflechtung mit dem sowjetischen Geheimdienst sie erst Jahre nach dem Krieg erfährt, was sie »entsetzt« habe, wie die Tochter sich erinnert. Größeres Entsetzen dürfte bei Marie-Luise ausgelöst haben, als ihr Schwiegervater in Moskau verhaftet und 1937 in Butowo erschossen wird. (ND verdankt übrigens Ulla Plener die Veröffentlichung der Totenlisten von Butowo Anfang/Mitte der 90er Jahre.) Die Schwiegermutter wird 1940 gemäß dem sogenannten Hitler-Stalin-Pakt an Nazideutschland ausgeliefert. Zwei Jahre zuvor war Marie-Luises Schwägerin, Wanda Bronskaja, ehemalige Sekretärin von Karl Radek, zu acht Jahren »erzieherisches Arbeitslager« verurteilt worden. Auch Marie-Luise gerät ins Spinnennetz von Verdächtigungen. »Mein gestriger Aufenthalt in der Komintern zeigte mir, dass Zweifel an meiner Zuverlässigkeit vorliegen ... Ich kann nur alle Fragen nach bestem Wissen beantworten.« Sie wehrt sich tapfer. Verteidigt auch ihren Mann, obwohl er ihr zunehmend fremd wird: »Ich kann mich nicht erinnern, ... eine Äußerung oder Bemerkung von ihm gehört zu haben, die gegen seine politische Sauberkeit spricht.« Kurt Plener wird im antifaschistischen Exil in Paris aus der KPD ausgestoßen, wegen Verbindung zu Willi Münzenberg. Ungeachtet dessen arbeitet er im Hilfskomitees für das republikanische Spanien und reiht sich 1940 in die französische Résistance ein. So auch Marie-Luise.

Sie bringt das größte Opfer, das eine Frau bringen kann: Sie muss sich von ihrer mittlerweile sechsjährigen Tochter und dem eineinhalbjährigen Sohn trennen, glaubt aber beide in russischen Kinderheimen wohlbehütet. Marie-Luise gehört bald zu den tapferen Frauen »an der stillen Front gegen Gestapo und SS sowie kollaborierende französische Geheimmilizen«. An jene hat Ulla Plener dankenswerterweise schon mit ihrer Publikation »Deutsche Frauen in der Résistance« erinnert.

Die Frauen der Résistance mischen sich unter die Besatzungssoldaten, um militärisch wichtige Informationen zu erhalten, verteilen Flugblätter, unternehmen Kurierdienste, schmuggeln Waffen, hören den Londoner und Moskauer Rundfunk ab und helfen Franzosen unterzutauchen, die von der Deportation zur Zwangsarbeit nach Deutschland bedroht sind. Sie warten nicht auf Aufträge und Anweisungen von den illegalen Parteileitungen in Paris und Toulouse. »Wir haben die Initiative auch selbst ergriffen«, schreibt Marie-Luise später. Und wie wurde dieser entbehrungsreiche, lebensgefährliche Einsatz ihnen nach dem Sieg gedankt? Sie wurden als Westemigrantinnen in der DDR stigmatisiert. Marie-Luise hat wieder Schwierigkeiten mit ihren Genossen, die »einen Kübel von Anklagen über mich ergossen«. Doch sie ist eine Kämpfernatur, setzt sich durch, findet berufliche Erfüllung im Verlagswesen, schreibt auch für das »Neue Deutschland«. Von ihren informativen, lebendigen Reportagen aus Indonesien wurden nur drei gedruckt; dieses Los teilte sie mit vielen Auslandskorrespondenten des »Zentralorgans«, dem Parteitagsreden und Berichte von Ernteschlachten wichtiger waren.

Es hätte keiner Erklärung von Ulla Plener bedurft, warum sie die Geschichte ihrer Mutter publik macht. Aber, sie hat völlig recht: »Die Geschichte der kommunistischen Bewegung wird, besonders nach dem Scheitern des Staatssozialismus gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts, vorwiegend als eine Geschichte von Verbrechern – und Verbrechen – dargestellt. Aber sie lässt sich darauf nicht reduzieren. Das beweisen Hunderttausende, ja Millionen von Kommunisten, die eine bessere Welt wollten und sich dafür mit ihrem Leben eingesetzt hatten.« Es ist gut, dass mit dem hier aufgezeichneten Leben – was für ein Leben! – auch an die vielen anderen erinnert wird.

Ulla Plener (Hg.): »Ich bereue mein Leben nicht.« Marie-Luise Plener-Huber – die Lebensgeschichte einer Idealistin. Nora Verlag, Berlin. 495 S., br., 29,90 €.

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