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Das Paradies der Tangosehnsucht

Berlin hat sich zu einer heimlichen Metropole der Tango-Szene gemausert. Der aus Südamerika stammende Tanz ist jedoch nach wie vor eine Domäne des Bürgertums, denn Tango ist auch eine Frage des Geldes.

  • Von Sabine Sölbeck
  • Lesedauer: 6 Min.

Der Tango, heißt es, ist mehr als ein Tanz. Darin herrscht Einstimmigkeit bei Tänzerinnen und Tänzern, bei Lehrerinnen und Lehrern. Und hier endet bereits die Klarheit der Vorstellungen und eröffnet der Chor der Mehrstimmigkeit. Denn Tango ist und bedeutet für jeden einzelnen etwas anderes. 2009 ist diese argentinische und uruguayische Lebensart mit all ihren Facetten von der UNO zum Weltkulturerbe erklärt worden. Tango ist ein zeitloses Phänomen und hat schon Dichter und Denker zu allen Zeiten beschäftigt. So beschreibt Hermann Hesse den Tango in der 1919 veröffentlichten Erzählung »Klein und Wagner«: »Ihr Tanz drückte Glück und Freude aus, Schönheit und Luxus, gute Lebensart und Lebenskunst. Er drückte auch Liebe und Geschlechtlichkeit aus, aber nicht wild und glühend, sondern eine Liebe voll Selbstverständlichkeit, Naivität und Anmut.«

Tanz des depressiven Bildungsbürgertums

Der Tango ist längst auf der ganzen Welt angekommen. In vielen europäischen Städten haben sich eigene Tangoszenen entwickelt. Die Berliner Tangogemeinde nimmt dabei eine herausgehobene Stellung ein. An sieben Tagen der Woche gibt es in der Metropole über fünfzig Möglichkeiten in einem Salon zu einer »Milonga«, einer Tangotanzveranstaltung, zu gehen. In den Sommermonaten kommen weitere acht Angebote zum Open-Air-Tanzen dazu, teilweise in wahrlich traumhaftem Ambiente direkt an der Spree. Mehr als siebzehn größere und kleinere Tangoschulen bieten Kurse und Workshops an. Die Schulen haben so klingende Namen wie »Nou Tango Berlin«, »Mala Junta«, »ART. 13« oder »Salon Urquiza«.

Die Sozialpädagogin Katja tanzt seit fünf Jahren Tango. Sie fing damit an, weil ihr die Musik und die Erzählungen über die »Milongas« gefielen. Heute ist Tango ein wichtiger Bestandteil ihrer arbeitsfreien Zeit. »Es ist ein Tanz«, erklärt Katja, »der nur schön sein kann, wenn man wirklich anwesend und aufmerksam ist.« An Alltag oder Einkaufslisten für den Supermarkt dürfe man dabei nicht denken. Katja hat sich nach den ersten sechs Stunden Tangounterricht für die Rolle des führenden Tanzpartners entschieden. Weil Tango ein Improvisationstanz ist, wird er nicht festgelegt auf Schritte. Alles ist möglich in Verbindung mit der Tangomusik, ob traditionell oder modern. Sie meide bewusst die Festlegung auf Tanzstile, sagt sie. Denn der Tango sei ein Dialog, eine internationale Sprache. Die 35-Jährige hat das auf ihren Reisen erlebt. Dabei ist es in Berlin durchaus anders als in Sydney, Auckland oder Bangkok. Berlin sei ein Paradies. Sie habe, sagt Katja, Berlin und den Tango auf ihren Reisen vermisst. Zum Beispiel sei es in anderen Orten eine kleine Revolution, wenn die Frau beim Tanzen den führenden Part übernimmt. In Berlin dagegen sei der Rollenwechsel etwas Normales. Sie geht im Durchschnitt einmal die Woche auf eine »Milonga«.

Nicht für alle Tanzenden ist der Tango nur ein Ausgleich zum Alltagsstress. Probleme ergeben sich teilweise, wenn der Tanz zur Kompensation privater Bedürfnisse genutzt wird. Die Gründe sind nicht leicht auszumachen. Ein ausgesprochenes Geheimnis in der Szene lautet: Tango ist der Tanz des depressiven Bildungsbürgertums. Dies weist auf die Ambivalenz des Tangos hin. Außerdem ist er anscheinend kein Tanz, der von einem sozial benachteiligten Publikum betrieben wird. Tango ist auch eine Frage des Geldes. Wer Zugang zum Tango haben will, traut sich meist nicht ohne Unterricht und ein paar einstudierten Schrittfolgen aufs Parkett.

Das bestätigt Christian (27), Promotionsstudent der Psychologie. »Auf der Tanzfläche haben wir einen sehr hohen Bildungsgrad.« Christian hat dort nicht wenige Professoren aus seiner Universität getroffen. Es sei ein Sport der Gebildeten, und, wagt man den Vergleich, kein Salsa. Christian tanzt seit zwei Jahren. Das Wesentliche im Tango sei die Zweisamkeit, sagt er. Er könne wunderbar klassischen Tango Argentino oder modernen Neotango tanzen, sofern es mit der Dame funktioniert. Er hat nichts dagegen, wenn sich die Stile mischen. Nur die Kommunikation miteinander muss stimmen.

Der kommerzielle Druck wächst

Jede Woche kommen Besucher aus irgendeiner Stadt nach Berlin, erzählt der junge Student. Interessant ist, dass die Schritte und Figuren gleich sind, die getanzten »Dialekte« sind dagegen durchaus verschieden. Christian ist nie dem Tango verfallen, aber schon der einen oder anderen Frau. Der Reiz des Tangos bestehe in der Intimität. Wenn diese von beiden Seiten zugelassen werde, hebe sie die emotionale Distanz der Menschen auf. Im Alltag habe man seinen Partner, seine Familie, die Arbeit. Beim Tango erlebe man das Zulassen von Zwischenmenschlichkeit. Gerade das biete die heutige Gesellschaft nicht, sagt er. Wir seien alle etwas vereinsamt, und das wäre bei dieser Gesellschaftsform nicht verwunderlich. Tango fungiere als Spiegel der Gesellschaft, sagt der Promovend. Und er funktioniere als Kompensationsinstrument.

Es scheint so, als biete diese kleine Insel etwas, dass nur in der Komplexität zu beschreiben und nicht ganz greifbar ist. Einer, der diese Komplexität erklären kann ist der Tangoveranstalter und -lehrer Thomas Rieser (35). In keiner Stadt sei die Tangoszene so groß wie in Berlin, erläutert er. Die Freiheiten, die der Tango in Berlin biete, ziehe viele Menschen an. Atraktiv sei auch, dass die Berliner Tangogemeinde noch ohne etablierte Hierarchien auskomme. Thomas Rieser beschäftigt sich seit zehn Jahren mit dem Tanz. Eigentlich ist er Bewegungslehrer und -therapeut für Sportunterricht an Waldorfschulen. Heute betreibt er gemeinsam mit zwölf Lehrern die Tangoschulen »Nou Berlin Tango« und (das gerade schließende) »El Yeite«. In Vorbereitung ist ein neuer Schul- und Tanzort im Ballhaus in Berlin-Mitte.

Von Anfang an hat Thomas Rieser mit argentinischen und amerikanischen Gastlehrern gearbeitet. Er organisiert größere »Milongas« mit Livemusik und ist Mitorganisator des Berliner Tangofestivals. Das Verhältnis der Schulen untereinander sei sehr kollegial, erläutert Rieser. Berlin habe einerseits einen ganz schlechten Ruf, andererseits sei es ein Eldorado des Tangos. Besucher fänden die Tanzflächen zu voll zum Tanzen. Andererseits gebe es viele Angebote, und die Lebenshaltungskosten in der Stadt seien niedrig. Dadurch machten viele internationale Profis in der deutschen Hauptstadt Station.

Die Tanzschulen hätten davon profitiert und sich in den letzen Jahren professionalisiert, sagt Rieser weiter. Zunehmend kommerzialisiere sich aber die Szene. Der Druck, Geld zu verdienen, sei gewachsen. Er fürchtet, dass die Werbung der Tango-Schulen aggressiver wird und sich manche Schulen in eine Nische zurückziehen. Das aber wäre fatal, meint der Tango-Lehrer. Denn die Szene lebe davon, dass Schüler an verschieden Schulen lernen, dass sie Gastlehrerworkshops besuchen, dass Jung und Alt sich auf den »Milongas« mischen.

Für Thomas Rieser ist Tango primär ein soziales und ein emotionales Erlebnis. Was er sucht, wenn er selbst tanzt? Geschlossene Tanzhaltung, schöne Musik, guter Tanzboden. Und wenn der Tanz endet, was bleibt dann? Vielleicht ist etwas an Hesse dran: »Viele empfanden für einen Augenblick nachdenkliche Trauer darüber, dass zwischen ihrem Leben und ihren Trieben so viel Zwiespalt und Streit bestand, dass ihr Leben kein Tanz, sondern ein mühsames Keuchen unter Lasten war – Lasten, die schließlich nur sie selber sich aufgebürdet hatten.«

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