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Visite in der Wildnis

Die einst verbotene Insel Vilm im Greifswalder Bodden ist ein Paradies für Naturschützer, Künstler und Vögel

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Jedes Mal, wenn das Schiff »Julchen« den Hafen von Lauterbach in Richtung Vilm verlässt, bleiben Enttäuschte zurück. Vorwurfsvoll schauen sie Kapitän Burkhard Lenz an. Er darf die zwei Kilometer entfernte Insel im Biosphärenreservat Südost-Rügen nur mit einer Gruppe von maximal 30 Personen betreten. Der kleine Kutter zur knapp 100 Hektar großen Insel, die seit 1936 unter Naturschutz steht, ist fast immer ausgebucht. Seit 500 Jahren wird hier kein Baum mehr gefällt, die Natur ist sich selbst überlassen und hat ohne Eingriffe des Menschen eine beeindruckende Formen- und Artenvielfalt entwickelt. Viele Interessierte wollen das Eiland sehen, auf das von 1959 an lediglich die Mitglieder des DDR-Ministerrates fahren durften. Damals, erzählt Lenz, hatte Ministerpräsident Otto Grotewohl die von Liebespärchen begehrte Insel entdeckt und zwölf Häuschen im Fischerstil für hohe Staatsfunktionäre errichten lassen. Fortan beherbergte das Endmoränenrestchen nicht nur Tatarenlattich, Bärlauch, Kormoran und Seeadler, sondern auch Grotewohl, Stoph, Honecker, Ulbricht oder Sindermann. Liebespaare mussten sich nach einem neuen Unterschlupf umschauen, die Insel blieb für Besucher verboten. Die prominenten Urlauber sollen, wie es in einem Buch über den Vilm heißt, hier aber keinen allzu großen Schaden angerichtet haben. Der Ende der 50er Jahre in Binz geborene und später in Putbus lebende Seefahrer, Unternehmer und CDU-Landtagsabgeordnete Lenz kennt die Inselgeschichte auswendig und spickt seinen Rundgang mit allerlei Schnurren. So soll der Architekt an Honeckers Haus Pferdeköpfe angebracht haben, damit es leicht wiederzufinden ist.

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Gleich hinter Honeckers Sauna, die heute als Schuppen dient, verlässt der Maler Egon Arnold, der auch auf dem Julchen herüberschipperte, die Gruppe von Kapitän Lenz und macht sich auf den kurzen Weg zu seinem Lieblingsplatz. Der 1954 zur Welt gekommene Arnold ist einer der zeitgenössischen Maler, die dem Charme der weitgehend unberührten Natur immer wieder erliegen – so wie einst Hunderte berühmte Vorgänger wie Carl Gustav Carus oder Friedrich Preller der Jüngere. Von 300 Malern, die im 19. Jahrhundert die Insel besucht haben sollen, spricht die Chronik. Damals gehörte das Hügelchen im Meer der Familie des Fürsten von Putbus, die es als Sommerresidenz nutzte und 1812 ganz bewusst die Abholzung des Urwaldes verhinderte. Ein paar Jahrzehnte später hatte man ein Logierhaus erbaut, die Reste des Obstgartens finden sich noch heute – mit geradezu himmlisch schmeckenden Himbeeren. Caspar David Friedrich malte von Rügen aus seinen Vilm-Blick »Landschaft mit Regenbogen«. Man würde gern in die Prospekte schreiben, dass auch er den Vilm persönlich besucht hat, doch belegt werden kann das nicht. Das weltberühmte Bild ist nur auf Postkarten zu bewundern, es blieb seit dem Krieg verschollen.

Egon Arnold kommt seit 15 Jahren ein bis zwei Mal in der Woche mit Erlaubnis des Bundesamtes für Naturschutz auf die Insel. »Für einen Künstler ist es ein Glück, einen so geschichtsträchtigen, mystischen Ort zu haben«, sagt der gelernte Elektriker, Naturliebhaber und künstlerische Autodidakt aus Lauta in der Lausitz. Er betritt den Vilm Anfang der 90er Jahre zum ersten Mal und seitdem lässt er ihn nicht mehr los. 3000 Arbeiten nehmen hier ihren Ursprung, Zeichnungen und Aquarelle. In Arnolds Fotoarchiv finden sich Aufnahmen von Liebesbotschaften auf Bäumen, die inzwischen zu vermodern begannen. Seit über einem Jahrzehnt wohnt der Künstler nun schon auf Rügen. Als er an diesem Tag seinen Lieblingsplatz unterhalb des Knirkberges erreicht hat, setzt er sich auf die Steine und schlägt sein Skizzenbuch auf. Vor sich hat er den weißgewaschenen Rumpf einer abgestorbenen Buche. Er gleicht einer Gestalt auf Pfoten, die sich ins Meer zu begeben scheint. Auf dem Kopf ein Horn, aus dem Körper wächst ein Mast. Ein Bild, das nur jetzt genau so aussieht. Jedes Licht wird es verändern, jede Nacht eine Spur hinterlassen. Eines Tages hat es sich vielleicht in ein Schiff verwandelt, bereit in See zu stechen. Arnold zeichnet den Rumpf ein ums andere Mal.

Egon Arnold sieht sich in der Tradition der Landschaftsmaler, auch wenn das von manchen Zeitgenossen als rückwärtsgewandt abgetan wird. »Der malt ja nur die Bäume ab«, heißt es da schon mal. Aber welche Bäume, und wie er sie skizziert! Ihm hat diese überwältigende Natur nicht nur zu Kunstwerken verholfen, sondern auch dazu, eine schwere, persönliche Krise zu überwinden. Arnold kommt mindestens einmal wöchentlich für ein Stündchen – wenn es nach ihm geht, noch mindestens 30 Jahre. Bis zum Ende des Monats ist ein Teil seiner Arbeiten in einer Putbuser Galerie zu sehen. Der Maler veröffentlicht sparsam. »Ich will die Welt nicht mit drittklassigem Zeug überschwemmen.« Übrigens hat auch er wie die Besucher in der Gruppe von Kapitän Lenz seine Anweisungen für die Visiten in der Wildnis bekommen. Auf dem Mittel-Vilm und dem Kleinen Vilm darf er sich eigentlich nicht blicken lassen. Das ist das alleinige Refugium der Vögel und Pflanzen. Doch wenn er so geht und schaut, gerät er hierhin und dorthin. Professor Hans Dieter Knapp, Direktor der Internationalen Naturschutzakademie Vilm, sieht auf Arnolds Bildern sofort, wo der Maler wirklich war.

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Hans Dieter Knapp ist der eigentliche Chef auf dem Vilm, den viele Menschen aussprechen, als stünde ein »W« am Anfang. Es heißt »Film«, berichtigt Knapp. Der Name leitet sich vom slawischen Begriff »ilumi« ab und bedeutet Ulme. Neben diesen Ulmen und bizarren urwüchsigen Eichen finden sich hier die zu den ältesten gehörenden Buchenwälder Norddeutschlands. In ihnen gibt es Exemplare zu bestaunen, die über 300 Jahre auf dem Holzbuckel haben, Hunderte von Pflanzenarten sowie Lebensräume für Gänsesäger, Waldkauz, Brandgans und viele andere Vögel. Die Häuser auf Vilm tragen Namen von Ostseeinseln: Gotland, Saaremaa, Wollin.

Knapp arbeitet – wie könnte es anders sein – im Haus Vilm. An diesem Tag kommt er erst am Nachmittag auf die Insel. Er erzählt von einem schönen Arbeitstag in den Buchenwäldern des Nationalparkes Jasmund auf der Insel Rügen, wo er gemeinsam mit Kollegen den Antrag auf die Aufnahme dieses Gebietes in das Weltnaturerbe vorbereitet. Auch wenn sein Arbeitsplatz auf dem Ulmeneiland, das wohl vor 3000 Jahren von Rügen abgetrennt worden ist, einer der schönsten im ganzen Land sein dürfte – er bleibt ein Platz am Schreibtisch, zwischen Akten und Ordnern. Früher war er mehr in der Natur, aber »alles hat seine Zeit«, sagt Knapp.

Er wird 1950 in Putbus auf Rügen geboren und wächst mit dem Blick auf die verbotene Insel heran. Die Leidenschaft für die Natur treibt ihn trotz Verbotes und nachfolgender Bestrafung schon damals auf den Vilm – nicht ahnend, dass er später für Jahrzehnte hierher zurückkehren sollte. Da hat Knapp das Biologiestudium, die Promotion und das abrupte Ende seiner Berufslaufbahn in einem Museum an der Müritz wegen politischer Differenzen hinter sich. Einige Jahre hält er sich mit Aufträgen der Kirche als freischaffender Botaniker und Biologe über Wasser. Zur Wendezeit initiiert er am Umweltministerium das Nationalparkprogramm der DDR mit und 1990 gelingt es ihm und seinen Mitstreitern, auf dem Vilm die Internationale Naturschutzakademie zu etablieren. International sollte sie schon aus naturgeografischen Gründen sein – schließlich umfasst der Ostseeraum viele Länder. Ein weiterer Grund für dieses Attribut war aber auch, dass der Naturschutz Sache der Bundesländer ist und eine zentrale Behörde eine über Deutschland hinausreichende Verankerung brauchte. Diese und andere Amtsgepflogenheiten waren Hans Dieter Knapp damals so gar nicht geläufig. Fast hätte er es versäumt, seine eigene Bewerbung als Leiter der geplanten Bildungseinrichtung abzuschicken.

Inzwischen sind einige Eichen und Buchen auf dem Vilm zu Boden gefallen, ein paar Meter Steilufer brachen ab und an anderer Stelle wurde Sand angeschwemmt. Unzählige Lehrgänge und Veranstaltungen der Internationalen Naturschutzakademie fanden statt, es wurde über Meeresnaturschutz, Vogelschutzrichtlinien und Klimawandel debattiert. Im Oktober wird 20-jähriges Jubiläum gefeiert. Hoteliers und Segelhafenbetreiber, die damals auf der 40 Jahre lang hermetisch abgeriegelten Boddeninsel am liebsten Spitzenklasseherbergen und Jachthäfen errichtet hätten, mussten sich mit anderen Ecken in der Gegend trösten. Die interessierte Öffentlichkeit bleibt – in Maßen – erwünscht, um das Verständnis für den Naturschutz zu vergrößern. Dafür, so Knapp, nimmt man den Trampelpfad um Ulmen, Hainbuchen, Adlerfarn und Holzapfel in Kauf.

Als Knapp an diesem heißen Juliabend den Vilm mit der Ina, dem Boot für die 60 Mitarbeiter und die Tagungsgäste der Akademie, verlässt, hat die Sonne das Malerufer in das gleißende Sonnengelb aus Caspar David Friedrichs Regenbogenbild getaucht. Das Licht auf der Insel ist es, was Knapp immer wieder fasziniert. Der Plan, hier eine Naturschutzakademie einzurichten, ist für ihn aufgegangen. Es ist nicht gleichgültig, wo man etwas bespricht, meint er: »Die Qualität eines Ortes nimmt Einfluss auf die Ergebnisse«.

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