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Dein Tänzer ist der Tod ...

Trilogie der Topographie komplett mit »Berlin 1933-1945«

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Dein Tänzer ist der Tod ...

Berlin war rot. Es wurde braun geprügelt und geschossen, braun korrumpiert und denunziert. An der Spitze der Berliner NSDAP stand seit 1926 Joseph Goebbels, der spätere Reichspropagandaminister. Mit Aufmärschen und Straßenschlachten wollte er schon in den Endjahren der Weimarer Republik die deutsche Hauptstadt, eine der attraktivsten Metropolen Europas, weithin gerühmtes und berühmtes Zentrum von Wissenschaft und Kultur, »sturmreif« terrorisieren. Und doch, trotz Stimmenzuwachs, geschuldet dem günstigen Nährboden für soziale und nationale Demagogie in der Weltwirtschaftskrise, fielen die Wahlerfolge der Nazis in Berlin bescheidener aus als reichsweit. Die oberste Naziclique fühlte sich denn auch stets wohler in München, »Hauptstadt der Bewegung«, oder Nürnberg, »Stadt der Reichsparteitage«. Vorallem »Hitler wurde in Berlin niemals heimisch«, wie Peter Steinbach, Vorsitzender des Internationalen Beirats der Topographie des Terrors, gestern zur Eröffnung einer Ausstellung in Berlin sagte.

Andreas Nachama, Geschäftsführender Direktor der Stiftung Topographie, präsentierte eine neue Dokumentation. »Berlin 1933-1945« ist der dritte Teil einer Trilogie auf dem Gelände seiner musealen Einrichtung. Neben der Beredsamkeit der steinernen Relikte faschistischen Machtanspruchs und Machtwahns, der Zentralen der Gestapo, der SS und des Reichssicherheitshauptamtes, sowie der im Mai eröffneten Ausstellung über deren verbrecherisches Wirken zeigt nun eine Open-Air-Dokumentation, wie es den Nazis gelang, Berlin zur Schaltstelle ihres Eroberungs- und Vernichtungsfeldzuges umzuzwingen und die Stadt an der Spree damit für Jahrzehnte in Verruf bei den Völkern der Welt zu bringen.

Die Exposition im Graben des Topographiegeländes erzählt Geschichte linear in fünf Kapiteln, mit zeitlichen Vor- und Rückgriffen. Die Dokumente sind auf 72 Glastafeln gescannt, Bilder und Texte derart angeordnet, dass die Sicht frei bleibt auf das Kellergemäuer des Gestapo-Amtes. Beginnend mit einer Rückschau auf das Berlin der Weimarer Republik, wird über die Etablierung der NS-Diktatur, die Verfolgung und Ausschaltung politischer Gegner, die Ausgrenzung und Ermordung der Juden, Roma und Sinti, Homosexuellen und sogenannten Asozialen berichtet. Sodan über Alltag im Krieg und die Folgen der NS-Herrschaft (Spaltung und Teilung, einschließlich getrennter Erinnerungskultur in Ost und West). Die überraschende Farbgebung auf den Schautafeln – gelb, grün, blau – wurde bewusst gewählt, »gemäß der Umgebung«, so Gerhard Braun, für das Layout verantwortlich. Man habe nicht NS-Symbolik zitieren wollen, antwortete Nachama auf die ND-Frage, ob nicht eher Schwarz, Braun und Blut-Rot das Berlin jener Zeit dominiert hätten.

Das wahre rote Berlin gab es weiterhin, trotz Hitler, Himmler, Heydrich, Goebbels und Göring, trotz Demagogie und Terror. Die Ausstellung dokumentiert Aktionen von Kommunisten und Sozialdemokraten. Von »Hauptstadt des Widerstandes«, spricht Steinbach. Gleichberechtigt gewürdigt wird Opposition aus unterschiedlichsten Motiven, erinnert u. a. an die couragierten, gegen die Verhaftung ihrer jüdischen Männer in der »Fabrikaktion« 1943 protestierenden Frauen. Wie die Kuratorin Claudia Steur ausführte, interessierte die Ausstellungsmacher vor allem die Frage, wie verschieden sich Menschen in einer Diktatur verhalten. Während sich etwa einige Laubenbesitzer über eine Sinti-Familie in ihrer Nachbarschaft bei den Behörden beschwerten, nahmen 30 Schrebergärtner diese in einem Brief an die Kriminalpolizei in Schutz. »Dazu gehörte im Dezember 1943 sehr viel Mut.«

Entsprechend neuem Forschungsstand seziert die Ausstellung diverse Mythen wie jenen von der »Volksgemeinschaft« oder vom »Wirtschaftsaufschwung« dank dem »Führer«. Nicht ausgespart wird ein in der Geschichtsschreibung der Opfer (ähnlich wie in der heroisierenden kommunistischen) lange Zeit tabuisiertes Problem: Kollaboration und Verrat. Stella Kübler, geborene Goldschlag, gehörte zu den sogenannten Greifern«, Juden, die für die Gestapo arbeiteten – auf das vage Versprechen hin, ihre Familien blieben unangetastet. Kübler wurde später in der DDR und in der BRD gerichtlich belangt. Dahingegen entließ das Westberliner Landgericht den an der Deportation Berliner Juden beteiligten ehemaligen Leiter der Berliner Staatspolizei, Otto Bovensiepen, weil: »verhandlungsunfähig«. Die Mörder von der Köpenicker Blutwoche im Juni 1933 wiederum erhielten in Ostberlin lebenslange Haftstrafen. Beispiele unterschiedlichen Ahndungswillens.

Der Tod, der millionenfach von der deutschen Hauptstadt ausging, schlug letztlich auf diese hunderttausendfach zurück. Berlin war 1945 nur noch »der Schutthaufen bei Potsdam«.

Geradezu prophetisch hatte Paul Zech 1918 gedichtet: »Berlin, halt, besinne Dich, Dein Tänzer ist der Tod.« Angesichts der Geschichte dieser Stadt sollte das heutige politische Berlin sich besinnen und nicht länger in einem fernen, fremden Land Menschen töten lassen.

Berlin 1933-1945. Zwischen Propaganda und Terror. Niederkirchnerstr. 8, Berlin; Katalog 10 €.

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