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Im Dienste der Stauffenbergpartei

Das Tagebuch des Jeremy-Maria zu Hohenlohen-Puntiz – 9. Folge

»Aktion, Aktion, Aktion!« Roland fuchtelt mit den Armen, durchbohrt mit dem Zeigefinger imaginierte Gewitterwolken, die hängen tief in meiner Cella, die Stimmung ist geladen.

Zu lange hätten wir tatenlos zugesehen, jetzt sei der energiepolitische Appell ohne Zustimmung der Stauffenbergpartei veröffentlicht worden, noch dazu mit einer Unterschrift Friedrichs, unserem ehemaligen Mitglied. Köpfe müssten rollen, Bomben explodieren.

»Vernunft!«, insistiert Renate.

»Zum Teufel damit!« Puterrot leuchtet Rolands Nase.

Angesichts so viel ungezügelten Temperaments gibt sich die Runde, die sich zum abermaligen Krisengespräch bei mir versammelt hat, konsterniert bis fassungslos.

»Frau Elster«, der jüngste Zweig an der ehrwürdigen Eiche der konservativen Revolution, starrt teilnahmslos in den Hof, während sich auf Kalles Stirn Runzelfalten bilden. Hotte versteckt sich mit Leonore unter Mamas Seidentuch, Jauch kratzt sich in einem fort den Hinterkopf. Einzig Ursel scheint entzückt, in ihren Augen ein Feuer.

Was hinter Rolands Gefühlsausbruch steckt, bleibt unausgesprochen. Ich hatte ihn beiseite genommen und mich kritisch über die Liaison mit Ursel geäußert. Nun die Rache.

In einer Situation wie dieser hat sich eine Führungskraft besonnen zu verhalten. Jede Bewegung muss bedächtig sein, keine Hast, ruhig gemessen, alert, mit einem scharfen Verstand und einem phänomenalen Gedächtnis. Nie darf die natürliche Distanz zwischen meinen Untergebenen und mir angegriffen werden. Gilt es aber Brücken zu überwinden, gelingt dies allein mit Humor. Geistesgegenwärtig klemme ich die rechte Hand in meine linke Achselhöhle, imitiere laut ein Verdauungsgeräusch. Gelächter. Nun ist alle Aufmerksamkeit auf mich gerichtet. Sofort erkläre ich den Fahrplan zur Macht, erläutere die Aufgaben eines jeden Mitgliedes ruhig, klar und deutlich, dränge den wütenden Ares in die Flasche zurück.

Im September wird Kalle mit dem Umbau des Heeres beginnen. Spätestens ab Januar 2011 wird es heißen: Ade Dosenbier, Intimrasur und Spielkonsole. Ich skizziere den Soldaten der Zukunft. Ein hünenhafter Elitekämpfer, der die Macht der Stauffenbergpartei sowohl vor äußeren, als auch vor inneren Feinden zu schützen versteht.

Ursels Aufgabe, die monetäre Sozialhilfe in ein hartes, aber gerechtes System der Naturalienausgabe umzuwandeln, und Renates Bürgermeisterkandidatur spreche ich nur kurz an.

Hotte beauftrage ich damit, Landes- und Ortsgruppen zu gründen, und mahne ihn eindringlich, auf die Bonität potenzieller Mitglieder zu achten. Dann nehme ich mir Jauch vor. Auch wenn seine Arbeit im Staatsfernsehen noch nicht recht begonnen hat, liegt es an ihm, die öffentliche Meinung auf Stauffenbergkurs zu bringen, was heißt, die Noch-Regierung vorzuführen und zwischen Pöbel und Elite Zwietracht zu sähen. Sollte er sich nicht bewähren, drohe ich ihm damit, Seibert oder den Italo-Hanseaten Di Lorenzo anzuwerben. Jauch zuckt, er hat verstanden.

Roland, der noch immer trotzig schnieft, nicke ich freundlich zu, sage, dass ich ihm überlasse, wie er sich verhalte, doch wenn er es krachen lassen wolle, so möge er mir vorher Bescheid geben, damit ich in Deckung gehen könne. Ein Schmunzeln, immerhin.

Zuletzt schlage ich vor, dass wir nächstes Wochenende alle gemeinsam in die Kanzlerwohnung auf der Museumsinsel einbrechen, um dort mit Frau Elsters Hilfe Abhörvorrichtungen zu installieren. Allgemeines Hurra! Ein magisches Gemeinschaftsgefühl.

Nun schwärmen sie aus in die Nacht. Fröhlich stapfende Schritte aus dem Treppenhaus.

Der Tagebuchroman des konservativen Verschwörerbarons erscheint jeweils in der Mittwochausgabe des ND. Die nächste Folge erwarten wir am 1. September 2010.

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