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Unspektakulär, aber lebenswichtig

Die bundesweite Vereinheitlichung der Hygiene-Vorschriften für Krankenhäuser ist überfällig

Die Gesundheitsminister wollen im Herbst über Verbesserungen bei der Klinik-Hygiene beraten. Fachleuten zufolge ließe sich die Zahl der Krankenhausinfektionen schon mit einfachen Maßnahmen verringern. Sie sollten nicht nur Ärzte, sondern auch Patienten und Besucher einbeziehen.

Nach dem Tod dreier Babys im Mainzer Uniklinikum ist eine Debatte über die politischen Konsequenzen aufgeflammt. Es fehle an Hygienestandards, kritisierte der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach Krankenhäuser und Bundesländer. Den drei Säuglingen, die an schweren Vorerkrankungen litten, war eine mit Bakterien verunreinigte Infusionslösung gegeben worden. Wo die Verunreinigung verursacht wurde, ist noch nicht ganz klar. Als wahrscheinlich gilt, dass die Erreger beim Zusammenmischen in der Apotheke der Klinik in die Lösung gelangten.

Krankenhauskeime sind kein neues Problem für Mediziner und Pflegekräfte. Allein in Deutschland wird von mehr als 600 000 Krankenhausinfektionen pro Jahr mit bis zu 40 000 Toten ausgegangen. Da eine Meldepflicht bisher fehlt, kann dies nur aus freiwilligen Untersuchungen einiger Kliniken hochgerechnet werden. Jeder Patient, der sich im Krankenhaus ansteckt, bleibt durchschnittlich vier Tage länger im Krankenhaus. Umgerechnet hätten sechs Kliniken mit je 1000 Betten nur damit zu tun, diese Menschen zu versorgen. Nach internationalen Studien liegen die Zusatzkosten für eine im Krankenhaus erworbene Sepsis zwischen 10 000 und 20 000 Euro.

Herrscht in Krankenhäusern nicht ein äußerst strenges Hygieneregime, verbreiten sich Viren, Bakterien oder auch Pilze leicht und schnell. Insbesondere resistente Keime sind in den vergangenen Jahren immer wieder für Todesfälle nach Blutvergiftungen, Wundinfektionen oder Lungenentzündungen verantwortlich gemacht worden. Dabei braucht es nicht einmal besonders widerstandsfähige Bakterien, um einem geschwächten Immunsystem einen vernichtenden Schlag zu versetzen. Dies war wohl auch in Mainz der Fall. Frühgeborene sind besonders verletzlich, da sich ihr Immunsystem noch nicht fertig herausbilden konnte. Zudem litten zwei der Babys an einem Herzfehler. Die im Blut der Kinder gefundenen »normalen« Darmbakterien könnten schon dadurch in die Infusion gelangt sein, dass ein Mitarbeiter das Händewaschen und -desinfizieren versäumt hat.

Mit Hygiene sind dennoch kaum Meriten zu gewinnen. Sie gehört, wiewohl eine der Grundlagen für die beteiligten Berufsgruppen, nicht zur Sparte der »Heldenmedizin«, die mit neuartigen Operationsmethoden und Heilungsversprechen von sich reden macht. Entsprechend knapp sind die Gelder für Forschung und Lehrstühle. Aber auch die Verpflichtungen für die Kliniken, ausreichend Fachkräfte für diesen Bereich vorzuhalten, sind in den Bundesländern sehr unterschiedlich geregelt. So haben gerade zehn Prozent der rund 2100 Kliniken einen eigenen Hygienearzt, der Regeln aufstellt und kontrolliert.

Die Krankenhaushygiene liegt in der Kompetenz der Bundesländer. Bisher haben aber nur fünf Länder, darunter Berlin und Sachsen, eigene Verordnungen. Eine bundesweite Vereinheitlichung ist überfällig, da sich Patienten über Grenzen von Ländern und Kontinenten hinweg bewegen. Erst kürzlich war ein besonders resistenter Keim aus Indien nach Europa eingeschleppt worden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) unterstützte am Mittwoch Forderungen nach verpflichtenden Hygieneverordnungen für alle Länder. Sie strebt eine Einigung mit den Ländergesundheitsministern an. Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) kündigte an, dass Klinik-Hygiene bei der nächsten Gesundheitsministerkonferenz Thema sein werde. Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund wiederum warnt vor »gesetzgeberischem Aktionismus«. Viel mehr müsse man bei einer effektiveren Kontrolle ansetzen. Das bedeute mehr Personal in Gesundheitsämtern und Hygienebeauftragte in jedem Klinikum.

Fachleute sind sich einig, dass sich die Zahl der Krankenhausinfektionen schon mit einfachen Maßnahmen um mindestens ein Drittel verringern ließe. Dazu gehört nicht nur ein besseres System der oft vernachlässigten Händehygiene für Ärzte, sondern auch die Einbeziehung aller Mitarbeiter, Patienten und Besucher. Zwar entstünden zusätzliche Kosten, wenn zum Beispiel Patienten bei ihrer Einlieferung ins Krankenhaus durch einfache Abstriche auf bereits vorhandene Erreger geprüft würden. Diese seien aber gerechtfertigt, wenn die Alternative verlängerte Klinikaufenthalte oder gar Todesfälle heißt.

Foto: mclo/photocase.com

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