Werbung

»Rache an einem unbequemen Autor«

Dogan Akhanli in Istanbul festgenommen

Vor 20 Jahren entfloh Dogan Akhanli der Folter in der Türkei, vor zwei Wochen reiste er erstmals wieder in das Land. Nun sitzt der Kölner Schriftsteller und Menschenrechtsaktivist, längst deutscher Staatsbürger, erneut in einem türkischen Gefängnis. Die Vorwürfe der Justiz sind fadenscheinig.
D. Akhanli Foto:©Raimond Spekking/Wikimedia Commons/CC-BY-SA-3.0_GFDL
D. Akhanli Foto:©Raimond Spekking/Wikimedia Commons/CC-BY-SA-3.0_GFDL

»Wer einmal gefoltert wurde, den lässt das nie mehr los«, sagte Dogan Akhanli vor drei Jahren in einem Interview. Und er wurde nicht nur einmal gefoltert. Sein schlimmstes Erlebnis: 1985 wurde er im Beisein seines damals 16 Monate alten Sohnes gemartert. Zehn Tage lang. »Ich konnte nichts sehen, ich konnte nur hören, wie er weint.«

Am 10. August kehrte Dogan Akhanli in das Land zurück, aus dem er, der linke und regimekritische Aktivist, 1991 nach Deutschland geflohen war. Er wollte seinen kranken Vater besuchen. Dazu sollte es nicht kommen: Bereits bei seiner Ankunft am Istanbuler Flughafen Sabiha Gökcen wurde er verhaftet. Er soll im Oktober 1989 an einem Raubüberfall beteiligt gewesen sein, bei dem ein Mensch zu Tode kam. So lautet zumindest der Vorwurf der Staatsanwaltschaft.

Doch die LINKE-Bundestagsabgeordnete Ulla Jelpke hält diese Vorwürfe für vorgeschoben. Es bestehe der Verdacht, dass Dogan Akhanli »aufgrund seines politischen Engagements und seiner schriftstellerischen Tätigkeit festgehalten wird«. Die Haft sei unrechtmäßig, schreibt Jelpke in einem Brief an den türkischen Justizminister Sadullah Ergin. Auch der Schriftsteller Günter Wallraff protestiert gegen die Festnahme seines Kollegen: »Bestimmte Kreise der türkischen Justiz nehmen Rache an einem unbequemen Autor, der seit Jahren den Völkermord an den Armeniern thematisiert«, glaubt Wallraff.

Zu schreiben begann Akhanli in Deutschland, nach seiner Flucht und, wie er sagt, aus therapeutischen Gründen. Er habe einen Weg finden müssen, sich mit seiner Geschichte auseinanderzusetzen. Er schuf, zunächst auf Türkisch, die Romantrilogie »Die verschwundenen Meere«. Deren letzter Band »Die Richter des jüngsten Gerichts« beschäftigt sich mit einem Thema, das in der Türkei noch immer weitestgehend tabuisiert wird: der Genozid an den Armeniern im Osmanischen Reich, dem in den Jahren 1915 bis 1917 bis zu anderthalb Millionen Menschen zum Opfer fielen. Auch als Sachbuchautor und Referent blieb er diesem Thema treu. In seinem Heimatland war er deshalb heftigen Anfeindungen ausgesetzt.

Akhanli engagiert sich gegen Menschenrechtsverletzungen, Rassismus und Antisemitismus. So führt er türkischstämmige Jugendliche durch das Kölner ElDe-Haus, ein ehemaliges Gestapo-Gefängnis. Am Beispiel der Nazi-Vergangenheit sollen Migranten einen kritischen Umgang mit der Geschichte lernen. »Wir kennen keine Vergangenheitsbewältigung«, sagt Akhanli mit Blick auf Türken und Türkischstämmige.

Nun hat die eigene Vergangenheit Akhanli eingeholt. Ihn belastende Zeugenaussagen seien unter schwerer Folter erpresst worden, berichtet der Verein »Recherche international« und verweist auf ein entsprechendes medizinisches Gutachten. Auch habe der angebliche Belastungszeuge seine Aussagen unlängst revidiert – und Akhanli gegenüber der Polizei entlastet.

Für eine Inhaftierung seines Mandanten gebe es keine Rechtsgrundlage, argumentiert Akhanlis Anwalt Haydar Erol. Zwei des Raubmordes ebenfalls Verdächtigte seien längst freigesprochen worden. Entlastende Aussagen hätten nicht den Weg in die Akte gefunden – und seien dem Haftrichter daher nicht bekannt. Zwei Haftbeschwerden wurden abgelehnt. Akhanlis Moral, sagt Rechtsanwalt Erol, »ist am Boden.«

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln