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Schulnoten lügen

Herkömmliches Bewertungssystem taugt nicht zur Messung von Leistung

  • Von Detlef Träbert
  • Lesedauer: 3 Min.

Ursula Lepperts Urteil ist eindeutig: Seit rund 100 Jahren sei es wissenschaftlich unumstritten, dass Schulnoten als Messinstrument für Lernleistungen nicht taugen. Das werde »verschwiegen, weil ohne Noten unser Schulsystem zusammenbräche«. Die Not mit den Noten werde hingenommen, um das System zu erhalten. An die Kinder, die Eltern und die Lehrerinnen und Lehrer würden die politisch Verantwortlichen nicht denken.

Ursula Leppert ist gelungen, wonach ich in meinen bislang 35 Jahren professioneller Beschäftigung mit Pädagogik stets gesucht und was ich nie gefunden habe: ein wirklich für Jeden verständliches Buch zu schreiben, das Notenkritik und die Schlussfolgerungen daraus für eine bessere Lernkultur so schlüssig wie unterhaltsam zusammenfasst.

Ihr Grundgedanke ist: In der Schule von heute hat zumeist das Bewerten Vorrang vor dem Lernen. Leppert fordert die Umkehr: »Der erste Schritt ist eine neue Lernkultur, der zweite eine neue Feedbackkultur. Das geht nicht mit Noten, das geht nur mit Worten. Miteinander reden!« 48 überschaubare Abschnitte verteilen sich auf fünf große Kapitel und weisen unterschiedliche Textformen auf. So gibt es jeweils mehrere Briefe an Lernende, aber auch an Eltern oder Lehrende. Interviews, Berichte und Zitate von Kindern, Eltern oder Lehrpersonen vermitteln Authentizität. Sie wechseln sich mit klärenden Darstellungen von Sachverhalten und wissenschaftlichen Befunden ab. Durch diese aufgelockerte Struktur finden alle Lesenden ihren eigenen Zugang zum Thema. Standpunkte werden mit Für und Wider erläutert, so dass Argumentationen gut nachvollziehbar sind. Der rund 40-seitige Anhang liefert denen, die es genau wissen wollen, vertiefende Informationen zu Schulstrukturen, dem Sitzenbleiben, zu Offenem Unterricht und vielem mehr.

Die Autorin ergreift engagiert und kompetent Partei für die Menschen in der Schule. Sie war selbst Lehrerin an Gymnasium und Gesamtschule und ist immer noch in der Eltern- und Initiativenarbeit aktiv. Dass eine humane Leistungsschule keine Noten braucht, zeigt sie in den ersten drei kritischen Kapiteln. Noten, ihre Messprobleme und Auswirkungen sowie die gängige Praxis der Wortgutachten behindern das Menschenrecht auf Bildung. Individuelle Förderung und ein selektives Schulsystem lassen sich nicht miteinander vereinbaren, was Lehrer in eine schizophrene Situation treibt. Die in manchen Bundesländern praktizierte Zweigliedrigkeit ist keine Lösung, sondern setzt das Selektionsprinzip fort. In »Blick über den Zaun« und »Was tun?« stellt Leppert konkret und anschaulich vor, wie eine andere, demokratische Schule und neue Lernkultur aussehen. Besonders ihre 15 »Schritte zur Veränderung der Schule« seien allen Lehrerkollegien ans Herz gelegt.

Es ist eine verwegene Fantasie, aber ich könnte mir vorstellen, dass der Volksentscheid vom 18. Juli 2010 über die Schulreform in Hamburg anders ausgegangen wäre, hätten die teilnehmenden Bürgerinnen und Bürger vorher »Ich habe eine Eins! Und du?« gelesen. Das Buch nimmt die Sorgen von Eltern, Lehrern und Schülern ernst. Es klärt und erklärt ihre Probleme mit Schule; es stärkt die Beteiligten in ihrem Veränderungswillen und nimmt denen, die nichts verändern wollen, ihre Angst. Wie sagte der Komponist John Cage einmal: »Ich kann jene nicht verstehen, die sich vor neuen Ideen fürchten. Es sind die alten Ideen, die mir Angst machen.«

Ursula Leppert: Ich hab eine Eins! Und du? Von der Notenlüge zur Praxis einer besseren Lernkultur, München (Uni-Online Press) 2010, 215 S., 14,90 Euro

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