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Ohne Superzeitlupe im Poststadion

Das letzte Meisterschaftsspiel zwischen Union Berlin und Hertha BSC ist 60 Jahre her – damals hieß es am Ende 5:1

  • Von Christian Heinig
  • Lesedauer: 5 Min.

Von einem elektrisierenden Duell war die Woche über die Rede, von Derbyfieber, weil sich an diesem Freitag gegen 18 Uhr schier Unglaubliches auf einem Fußballfeld im Berliner Stadtteil Köpenick ereignen wird. Dort treffen in einem einzigen Spiel zwei Welten aufeinander, hieß es. Der 1. FC Union, beheimatet im Osten der Hauptstadt, bekommt Besuch von der Alten West-Dame namens Hertha BSC. Deren Manager Michael Preetz hatte jüngst kundgetan: »Klar, für die Masse, für die Fans ist es ein besonderes Spiel. Für Berlin hat es eine enorme Bedeutung.« Und der Boulevard titelte, die Stimmung sei balla-balla.

Vor 60 Jahren war das ganz anders. Damals, als sich am 30. April 1950, einem Sonntag, beide Teams zum letzten Mal in einem regulären Meisterschaftsspiel gegenüberstanden, da war das Spiel ND gerade zehn Zeilen wert. Eine kurze Ankündigung: wer, wann, wo, gegen wen. Bloße, nackte Information, ohne jedes Bohei.

Verwunderlich ist auf den ersten Blick allerdings der Spielort. Gekickt wurde nicht in Köpenick, sondern im Poststadion in Moabit unweit des Lehrter Stadtbahnhofs, mitten im Herzen des vom Krieg zerfurchten Berlins. Das lag daran, dass die SG Oberschöneweide, die zu den Vorgängern des heutigen 1. FC Union Berlin zählt, ihrem Stadion gerade eine Renovierung gönnte. Wobei die Reise hinter die Sektorengrenze kein Problem darstellte, weder für Spieler noch für die Fans. Die DDR war zwar schon gegründet, doch die Grenzen standen noch offen. Union Oberschöneweide teilte lediglich mit, wie dem ND zu entnehmen ist, »dass Karten gegen DM der Deutschen Notenbank bei Vorlage des Personalausweises an den Tageskassen ausgegeben« würden. Die Geburtsstunde personalisierter Tickets? Möglich wär's, das ist aber eine andere Geschichte.

Damals ging es beim Duell von Union gegen Hertha in jedem Fall nicht um die Frage der Nummer eins in der Hauptstadt, die heute gern die hiesigen Hauptstadt-Gazetten beschäftigt. Es war ein rein sportliches Kräftemessen, das fast 10 000 Berliner anlockte.

Obwohl die politische Teilung Berlins seit 1945 bereits in vollem Gange war, hatten sich beide Fußballfachverbände dazu entschlossen, die Einheit des Berliner Fußballs mit einer Gesamtberliner Meisterschaft demonstrieren zu wollen. Zwölf Teams traten an, darunter mit Union Oberschöneweide und VfB Pankow auch zwei, die in der Sowjetischen Besatzungszone beheimatet waren.

Die Partie von Union gegen Hertha fand am letzten Spieltag statt, und es sollte auch das letzte Duell in der gemeinsamen Stadtliga bleiben. Zum Ende der Spielzeit zog der Osten seine Mannschaften zurück, er war gegen die Einführung professioneller Strukturen, wie sie der Verband Berliner Ballspielvereine, der VBB, im Westen anstrebte. Die Begegnung im Poststadion endete schließlich 5:1 für Union. Wer sich allerdings auf die Suche nach den Torschützen begibt, könnte auf verschiedene Varianten stoßen, was zu Zeiten, als Schiedsrichter noch nicht durch elektronische Headsets mit ihren Linienrichtern verbunden waren und Reporter auf den Tribünen nicht die Superzeitlupe hatten, keine Seltenheit war. Im Deutschen Sportecho heißt es, Paul Salisch, Manfred Seidel und Heinz Lehninger hätten für Union getroffen, die Ostberliner Neue Fußball-Woche hatte hingegen Erwin Wax als ersten Torschützen ausgemacht.

Fakt ist, die Unioner jubelten, immerhin hatten sie sich mit dem Erfolg für das Achtelfinale der deutschen Meisterschaft in Kiel qualifiziert, wo es gegen den Hamburger SV gehen sollte. Dazu aber kam es nicht. Die Politik mischte sich ein, vergeblich warteten die Unionkicker auf die notwendigen Reisepässe. Viele der Stars flüchteten daraufhin in den Westteil der Stadt, wo sie den SC Union 06 gründeten, unter ihnen auch Leistungsträger wie Heinz Rogge, Paul Salisch und Erwin Wax.

Erstaunlich ist, dass jenes 5:1 der Unioner gegen Hertha BSC vor 60 Jahren beim ND so hohe Wogen schlug, dass sich darüber in den folgenden Tagen keine einzige Zeile im Blatt wiederfand. Ob aus Versehen oder aus purer Ignoranz, ist abschließend allerdings nicht zu klären. Eines lässt sich jedoch absehen. Dies wird sich diesmal sicher nicht wiederholen.


Berliner Derby

Der Stadionstreit: Fast täglich gab es diese Woche Neues vom Zoff wegen der Stundung von 2,55 Millionen Euro Stadionmiete für Hertha BSC durch den Berliner Senat. Gleich zu Beginn hatte Union-Boss Dirk Zingler von Wettbewerbsverzerrung gesprochen. Später war die Rede von Klassenkampf und Ost-West-Problematik. Dem entgegnete Michael Preetz: »Ich glaube, die Stadt zeigt, wie Wiedereinigung geht. Für uns ist es einfach nur ein Fußballspiel«, so der Hertha-Manager.

Die letzte Begegnung: In den vergangenen zwanzig Jahren gab es acht Duelle zwischen Union Berlin und Hertha BSC. Kurz nach dem Mauerfall stand man sich im Olympiastadion zum Freundschaftsspiel gegenüber. Die mehr als 50 000 Zuschauer kamen für wahlweise fünf Mark Ost oder West. Hertha gewann 2:1. Anlässlich der Wiedereröffnung des modernisierten Stadions an der Alten Försterei kam es im vorigen Sommer erneut zum freundschaftlichen Vergleich der beiden Hauptstädter. Auch hier behielt Hertha mit 5:3 die Oberhand.

Die wirtschaftliche Lage: Mit Blick auf den Gesamtetat liegen buchstäblich Welten zwischen beiden Zweitligavereinen. Während Union nach dem Aufstieg im Vorjahr seine zweite Saison mit 13 Millionen Euro bestreitet, kann Erstligaabsteiger Hertha BSC mit geschätzten 33 Millionen Euro wirtschaften.

Die Sicherheit: Die Berliner Polizei blickt dem Derby, zu dem 19 000 Zuschauer erwartet werden, relativ gelassen entgegen. Rund 500 Polizisten werden das Spiel sichern, hinzu kommen 300 Ordner. Zum Vergleich: Bei Begegnungen zwischen Union und Hansa Rostock waren mehr als 1000 Polizeibeamte im Einsatz. ND

»Hertha ist Favorit«

Markus Babbel, der Trainer von Hertha BSC, hat so seine eigene Meinung zum heutigen Stadtderby in der zweiten Liga bei Union Berlin (18 Uhr). Für ihn, hatte Babbel im Vorfeld erklärt, sei eher Bayern gegen 1860 München ein echtes Derby, »oder zu meiner Zeit in England Liverpool gegen Everton«. Union gegen Hertha – das sei »ein Spiel wie jedes andere, in dem drei Punkte verteilt werden«, so Babbel. Genug Selbstvertrauen, um jene Punkte zu entführen, dürfte Hertha in jedem Fall haben nach drei Siegen in den ersten drei Saisonspielen. Die Wiederaufstiegsmission läuft auf Hochtouren. Ganz anders die Situation bei den Gastgebern: Ein Pünktchen konnten die »Eisernen« aus Berlin-Köpenick bislang erst verbuchen. »Hertha ist Favorit«, sagt Union-Trainer Uwe Neuhaus. Und sein Team? »Wir dürfen jetzt nicht verkrampfen.« che

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