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... und überwältigt begriff er die Stunde, die ihn trug

Inge Keller liest am Deutschen Theater Berlin Franz Fühmann: »Die Schöpfung«

Inge Keller
Inge Keller

Jeder Leser hat sein Bild von einem Autor. Welche Erfahrungen knüpfen sich an ein bestimmtes Buch, welche seiner Bilder gehören nun auch uns, welche seiner Gedanken halfen einem, eine Sache anders oder erstmalig zu denken?

Franz Fühmann ist gleich für mindestens drei Generationen von Lesern eine wichtige, eine einzigartige Stimme gewesen. Den Mut zu finden, einen Irrtum Irrtum zu nennen und das Nichtwissen dem falschen Wissen vorzuziehen – es war ein langer schmerzensreicher Weg. Darum ist es richtig zu sagen: Jeder hat seinen Fühmann. Was aber für alle gilt: Fühmann ist ein Ermutiger zur Wandlung.

Inge Keller liest am Sonntag in einer DT-Matinee – sechzig Jahre wirkt sie nun an diesem Hause! – Franz Fühmanns »Die Schöpfung«. Ein Text aus der Zeit seiner »Kameraden«, von Mitte der 50er Jahre. Gegen den falschen Treue- und Kameradschaftsmythos der Wehrmachtstraditionsverbände. Nein, es war kein ehrenvoller Kampf, sondern ein großes Verbrechen – und er selber war ein Teil davon gewesen. Ein fanatischer Nazi zumal, der bis zum Schluss an den Endsieg glaubte und Gedichte für Goebbels' »Das Reich« schrieb, die auch gedruckt wurden, einmal sogar auf der Titelseite. In den 50er Jahren dann ist Fühmann, nach sowjetischer Kriegsgefangenschaft und Antifa-Schulungen, hauptamtlicher Funktionär der NDPD, der Partei der ehemaligen NS-Mitläufer, der Deutschnationalen und Wehrmachtsangehörigen.

Heiner Müller beschreibt ihn in dieser Zeit als vor Eifer schwitzend, sich als neuer Mensch zu beweisen. Ein unangenehmer Dogmatiker des neu angelernten Marxismus, der im Stile der Zeit schon mal Sartre – auch dieser ein Kommunist immerhin, jedoch einer, der zuvor in der Résistance gekämpft hatte und mit Stalin wenig im Sinne hatte – mit einem Faschisten vergleicht. Einer, der junge Autoren, ganz anders als in seinen späteren Jahren, maßregelte, sobald sie sich für moderne Kunstströmungen interessierten.

Aus dieser Zeit stammt nun der Text, den Inge Keller liest. Auf den ersten Blick eine Wahl, die nicht nahe liegt – angesichts etwa seiner Barlach-Novelle, des avantgardistischen Ungarntagebuchs »22 Tage oder die Hälfte des Lebens« oder auch des großartigen Trakl-Essays »Vor Feuerschlünden«. Aber eine Wahl, die beweist, dass eben jeder seinen Fühmann hat. Und wäre es nicht ohnehin töricht, Fühmanns Werk zu sortieren in Teile, die einem genehm sind und die anderen, die man besser gar nicht erst wahrnimmt? Ist nicht genau dieser selektive Blick auf die Vergangenheit das, woran unser Geschichtsbild derzeit so krankt: dass es eben nicht die ganze widersprüchliche und irrtumsreiche Geschichte in den Blick nimmt, sondern immer nur die Teile, in denen man sich bestätigt findet? Darum ist die Wahl von »Die Schöpfung« ebenso gut wie es die der »Fahrt nach Stalingrad« oder des »Bergwerks« wäre. Jedes Buch offenbart etwas von Mensch und Zeitsituation, in der er schreibend stand.

Beim Wiederlesen überrascht »Die Schöpfung« mit einer bezwingenden Verbindung von realer historischer Situation und mythischer Überhöhungskraft – ähnlich wie sein »König Ödipus«. Einen Wehrmachtssoldaten in Griechenland – wo Fühmann tatsächlich als Nachrichtensoldat stationiert war – trifft in einer eher beiläufig anhebenden Episode das Schicksal. Fühmann zeigt diesen typischen Vertreter einer Jugend im Krieg, die wenig Chancen hat, mit dem Leben davon zu kommen – und wenn doch, dann trägt sie lebenslang mit sich herum, was sie getan und was sie gesehen hat. Dieser junge Soldat missversteht die Schöpfungsgeschichte: Er selbst hält sich für einen Herren und die alte Frau, die da vor ihm im Sterben liegt und die er – mitten im Partisanengebiet - zum –erhör holen soll, sieht sie nicht aus wie typischer Untermensch? » ... das Gefühl, Herr dieser Erde, ja noch mehr: Erwecker, Erschaffer, Erlöser eines Urlandes zu sein, das noch ganz unentmischt, ein Chaos aus Finsternis, Schlaf und trägem Dauern, vor ihnen lag und ihrer harrte, ihrer, ihres Anrufs und Blicks! Er trank die Meerluft wie Wein; ihr jodiges Salz brannte auf seinem Gaumen und in seinen Nüstern; er fühlte das Metall der Waffe in seiner Hand, als ob es ein Zepter der Allmacht wäre, und hörte es über den Wassern brausen, und überwältigt begriff er die Stunde, die ihn trug.« Am Ende dann wird ihn ein Blitz treffen, der einer Hand entfährt, die er in Herrenmenschenverblendung gar nicht bemerkt hatte: »Ein ungeheueres Licht zersprengte ihn.«

Welch künstlerische Parabel in all ihrer ideologischen Absicht! Ein Pathos liegt auf den Zeilen, denen man die eigenen Erfahrung noch in ihrer Stilisierung anmerkt. Ein Text wie gemacht für Inge Keller, ihre virtuose Kraft, diesen Worte nicht nur standzuhalten, sondern sie zwischen Himmel und Ende gleichsam aufzufächern in alle ihre Bedeutungsnuancen.

Vieles ist hier angelegt, was Fühmann erst später in seinem langen Leidensweg des Traklschen »Unlebbaren Lebens« doch immer auch als Befreiung empfunden hat. 1982 bekannte er: » ... wäre ich, sagen wir, 1968 gestorben, wäre ich in die Grube gefahren als der, der ich noch heute in der Literaturgeschichte meines Landes fortlebe: als der Vergangenheitsbewältiger mit der schönen Sprache und den lieben Kinderbüchern und den treffenden Nachdichtungen – hätte es nicht eben jene Erschütterungen vom August 1968 gegeben, mit dem Willen: jetzt möchte ich sehen, was ist, um mit Rosa Luxemburg zu sprechen. Damit fing das Eigentliche an.«

Und dieses Eigentliche entwickelte sich dann, in der Beschäftigung Fühmanns mit der Romantik, immer mehr zum Ärgernis für die DDR-Kulturpolitik. Peter Hacks, der selbsternannte Klassiker und Gegenspieler von Fühmann, der es derzeit – und nicht nur unter Stalinisten, sondern auch bei FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher – wieder zu hohem Ansehen bringt, datierte gar den Beginn des Untergangs der DDR auf Fühmanns ungestraft gebliebenen Vortrag über E.T.A. Hoffmann im Frühjahr 1976 in der Akademie der Künste: »Fühmanns Absicht war es nicht, der Romantik zu ihrem Recht zu verhelfen. Er wollte die Romantik an der Macht.«

Man darf – nein, man muss! – darüber streiten. Aber zuvor sollte man Fühmann lesen, oder aber sich Fühmann von Inge Keller vorlesen lassen.


WARUM
nur immer das akzeptieren, was einen bestätigt?

WORAN
krankt unser Geschichtsbild?

WOHER
diese Furcht, eine Sache mal anders oder gar erstmalig zu denken?

INGE KELLER
liest am kommenden Sonntag in einer Matinee um 11 Uhr im Deutschen Theater. Mit dieser Lesung begeht sie ihr außerordentliches Jubiläum: 60 Jahre am DT!

GUNNAR DECKER
ist Autor der im Hinstorff Verlag Rostock erschienenen Biographie »Franz Fühmann. Die Kunst des Scheiterns«.

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