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Was uns Bilder sagen – oder nicht

  • Von Harald Kretzschmar
  • Lesedauer: 3 Min.
Der Autor ist Zeichner, Buchautor, Publizist und ND-Karikaturist
Der Autor ist Zeichner, Buchautor, Publizist und ND-Karikaturist

Die Gegenwart des Bildjournalismus ist mit allen noch vor nicht allzu langer Zeit kaum ahnbaren technischen Raffinessen gesegnet. Eine Inflation von Gestaltungsmöglichkeiten ist über die Medien hereingebrochen. Eine gute Fee hat die superschnelle digitale Übermittlung von Bilddaten möglich gemacht. Wovon Generationen von Fotoreportern und Zeitungslayoutern, Pressezeichnern und Karikaturisten nur träumen konnten – ein Perfektionismus des Machbaren – ist nunmehr möglich. Wie aber sieht die Realität aus?

Nun wird in der Hektik der medialen Informationszwänge selbstgefällig häufig die erstbeste Lösung der tatsächlich besten vorgezogen. Da die Technik ihnen so viele Chancen schenkt, sind die aufs aktuelle Bild so scharfen Reporter immer in der Versuchung, sich weitere Bemühungen ebenfalls zu schenken. Früher gezwungen, im Bewältigen der Fototechnik handwerkliche Schwerstarbeit zu leisten, ist man heute dem Zwang kostengünstig zu bleiben ausgesetzt: Die Hochachtung vor dem Urheber ist im Bildjournalismus inzwischen auf dem Tiefpunkt. Im Gegensatz zu den Wortpublizisten bleiben Bildschöpfer meist namenlos. Wer als Fotograf für eine Agentur arbeitet, und das ist die Regel, kann von Glück sagen, wenn sein Name bei der Urheberangabe deutlich genannt wird.

Massen von Pressefotos geistern durch unsere Printmedien lediglich mit der Bezeichnung dpa. In der Ausstellung »Rückblende« wird einmal im Jahr das Beste an Pressefotos und Pressekarikaturen ermittelt. Und ihre Schöpfer(innen) prämiert. Da tauchen dann plötzlich selten genannte und nie wahrgenommene Namen auf. Und wenn man dabei sein darf, bemerkt man doch tatsächlich eigenwillige Charaktere und Temperamente unter den Fotoreportern. Allerdings, was an der Wand hängt, wirkt schon wieder genormt. Eine offenbar für alle verpflichtende Blauhimmelästhetik gibt einen Trend zu verniedlichender Schönfärberei vor. Dass ausschließlich Politikerfiguren fotogen sein sollen, ist ein weiteres ungeschriebenes Gesetz. Der kleine Moritz will halt sein Politikerchen zum Anfassen, und weil die Welt eben farbig ist, muss man es ihm so bunt wie möglich machen.

Angesichts dessen steht die kleine mediale Randgruppe der Karikaturisten ganz schön blöd da. Ihr Altersdurchschnitt ist hoch, die Zuwachsrate niedrig. Bitterböse Satire war immer rabenschwarz und widerborstig. Sie war selten hübsch anzuschauen. Aufgehübscht, wie nun mal eine akzeptable Tageszeitung heute ist, muss da vor allem Kolorit rein. Der sicherste Weg, wie ein so renommiertes Blatt wie die »Berliner Zeitung« ihre tägliche Karikatur zu Tode verhübschen konnte, war die von der Chefredaktion ausgegebene Weisung »Nie mehr ohne Rot-gelb-blau-grün«. Es ist nur eine Frage der Zeit und der Kosten, ob alle anderen Journale am Ende diesem Beispiel folgen.

Nennenswert kühne gestalterische Ideen sind von jüngeren Bildredakteuren unter den von ihren Geschäftsleitungen geschwungenen Sparknüppeln kaum zu erwarten. Und wenn ein Nullachtfuffzehn-Fotobildchen billiger kommt als eine charaktervoll gezeichnete pointierte Karikatur, dann lebt eben jene Gazette ohne jede Zeichnung weiter. Im allgemeinen Bewusstsein sind wir ohnehin inzwischen von dem, was man Durch-Zeichnen-Bezeichnen nennen kann, meilenweit weg. Wenn ich etwas zeichne, werde ich gefragt »Warum machste dir das so schwer, mach doch n'Foto«. Und das könne schließlich jeder. Für beliebig auswechselbare Urheber ohne klare eigene Handschrift braucht man auch kein Urheberrecht mehr. Das ist in Bezug auf zeichnerische Elemente bei Television über Video bis zum World Wide Web schon ganz überflüssig – als eigenständiges Ausdrucksmittel gibt es diese dort kaum noch. Programmvignetten oder Porträtkarikaturen – längst wegrationalisiert.

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