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Wagin allein im Wald

»Parlament der Bäume« erhält keinen Denkmalschutz

  • Von Markus Geiler, epd
  • Lesedauer: 3 Min.

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Ben Wagin duzt alle. Es sei denn, er kann jemanden nicht leiden. Etwa Wolfgang Thierse. Mit dem scheint er noch eine Rechnung offen zu haben. Der SPD-Politiker ist nur »der Thierse«, der »Zausel aus dem Osten«, den Wagin zu »diesen Trillerpfeifen« im Bundestag zählt, die seinem »Parlament der Bäume« beharrlich den Denkmalschutz verweigern.

Seit 20 Jahren pflegt der Aktionskünstler den im Berliner Regierungsviertel liegenden Mauer-Reststreifen am Spreeufer und machte ihn zu einer Gedenkstätte für die Mauertoten und gegen Krieg und Gewalt. Bereits in der Nacht vor der ersten demokratischen Volkskammerwahl vom 18. März 1990 hatte Wagin der Geschichte vorgegriffen und seine persönliche Einheit vollzogen. Bei Vollmond ließ er mit schwerem Gerät der DDR-Grenztruppen Teile der Mauer niederreißen und pflanzte dort Bäume als Zeichen des Friedens.

»Bäume haben mich noch nie belogen«, sagt der 80-Jährige, der im Laufe seines Lebens allein schon über 50 000 Ginkgobäume gepflanzt hat. Mit den Gewächsen will er unter der Last der Geschichte ächzende Orte befrieden. Dazu gehören der von ihm angelegte »Friedenswald« auf den Seelower Höhen in Brandenburg, einem der letzten Schlachtfelder des Zweiten Weltkriegs, ebenso wie der »Anhalter Garten« an dem von Fliegerbomben komplett zerstörten Anhalter Bahnhof in Berlin.

Mit dieser Aktionskunst war der im polnischen Posen geborene Wagin schon zu West-Berliner Zeiten ein Enfant terrible. In seiner Arbeitskluft und mit dem freundlichen Naturburschen-Gesicht unter einer Schirmmütze wirkt er wie ein spinnerter Gärtner. Dahinter verbirgt sich aber ein Mensch mit scharfem Verstand, durchaus zu verbalen Grobheiten fähig.

Als Mann mit einer Mission kennt Wagin keine Hindernisse. Für seine Mauerdurchbruch-Aktion im März 1990 spannte er »den Dieter« ein, überzeugte »die Rita«, 30 Bäume beizutragen, und die »Hanna-Renate« verkündete anschließend, »das ist eine Botschaft, die man versteht!«. Generalmajor Dieter Teichmann war seit 1990 Chef der DDR-Grenztruppen, die CDU-Politikerin Rita Süssmuth langjährige Bundestagspräsidentin und ihre CDU-Kollegin Hanna-Renate Laurien Präsidentin des Berliner Abgeordnetenhauses.

Übrig geblieben davon ist heute nur noch das 400 Quadratmeter große »Parlament der Bäume«. Auf dem ehemaligen Todesstreifen direkt am Haus der Bundespressekonferenz schuf Wagin eine Art Garten mit Kiefern, Kirschbäumen, Kastanien, Platanen, Eichen, Linden und Ginkgobäumen. 16 Bäume wurden von den Ministerpräsidenten der Bundesländer gepflanzt. Dazu kommen Überbleibsel von weiteren 400 Bäumen, die auf dem Mauerstreifen im Herbst 1990 zur ersten Sitzung des gesamtdeutschen Bundestags angepflanzt wurden.

Dazwischen arrangierte Wagin Gedenksteine, Bilder, Plakate und Installationen. Originale Mauersegmente bilden eine Gasse mit Bildern unterschiedlicher Künstler. Unzählige, zwischen Rosenstöcken und Immergrün verstreute Gips-Gebisse mahnen, dass dieses Stück Erde mit menschlichem Leid verbunden ist.

Fast täglich gestaltet Wagin an seinem Mahnmal weiter. Zum 20. Jahrestag der Vereinigung am 3. Oktober sollte das »Parlament der Bäume« eigentlich unter Denkmalschutz gestellt werden. Doch daraus wird nichts, weil sich SPD und Unions-Fraktion im Bundestag nicht auf einen Gruppenantrag einigen wollen.

»Denkst du, einer von denen ist mal hier runtergekommen, um zu fragen, was das hier eigentlich ist«, fragt Wagin Richtung Bundespressekonferenz. Schlecht informiert zeigte sich auch Eberhard Diepgen bei der Einweihung des Pressehauses 1999. Wagin schnappte sich den damaligen Regierenden Bürgermeister und schleppte ihn vor die Tür. Gemeinsam blickten sie auf die grüne Gedenkstätte vor dem Gebäude. »Und was ist das hier?«, fragte Diepgen ratlos. »Weißt du was, Eberhard«, antwortete Wagin und ließ seine Hand auf die Schulter des CDU-Politikers krachen, »geh einfach wieder rein und trink Dein Bier.«

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