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Zielstrebig zäh

ND im Club: Buchpremiere mit Hans Modrow

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.
»Sagen, was ist« lautet der Titel des sechsten Buches jener Gesprächsreihe, die »Neues Deutschland« gemeinsam mit dem Verlag Das Neue Berlin herausgibt. Bisher gaben Auskunft: Markus Wolf, Gerhard Zwerenz, Hermann Kant, Eva Strittmatter, Alfred Hrdlicka. Nun wurde Hans Modrow interviewt. Buchpremiere war am Mittwoch im Münzenberg-Saal des ND-Gebäudes.
Sportiv: Hans Modrow beim Signieren.
Sportiv: Hans Modrow beim Signieren.

Das Rot leuchtet, Hans Modrow lächelt. Ein bisschen bestätigend, ein bisschen verlegen. Denn da wird ein Buch in die Höhe gehoben, ein sehr rotes – und ND-Chefredakteur Jürgen Reents sagt, es sei sehr treffend, just einem Interview-Band mit Hans Modrow einen Umschlag mit dieser politischen Reizfarbe zu geben. Gabriele Oertel hat den Politiker umfassend befragt.

»Wir haben uns bemüht – und auch gemüht«, sagt Oertel, stellvertretende Chefredakteurin dieser Zeitung, über die monatelangen Gespräche mit dem Politiker, der auf seinem Lebensweg gleichsam von Dresden nach Deutschland kam. Mitunter sei Modrow in den Interviews »überraschend selbstkritisch« gewesen. Wieder lächelt er: Ach, ihr Journalisten ...

Später wird er sagen: »Auch ich trage Veranwortung dafür, dass uns in der DDR vor allem junge Leute wegliefen, und wenn wir uns auch gegen ein verfälschtes Geschichtsbild von der DDR wehren, so dürfen wir uns nicht gleichzeitig selber in die Tasche lügen.« Verweis auf fehlende Demokratie, Mauern aus Geist und Beton und eine Partei, die sich anmaßte, immer recht zu haben.

Aber da hat Modrow auch schon darüber gesprochen, dass er den Stempel der Nostalgie für »unverschämt« hält, nur weil Menschen sich nicht das Lebenswerte ihrer Existenz im einstigen anderen deutschen Staat weginterpretieren lassen. »Die Bundesrepublik ist schlecht beraten, ein Bild von der DDR zu vermitteln, auch im Ausland, das Zwischentöne leugnet.« Mit dieser Methode »ist mein Bruder Franz, der nach dem Krieg in der britischen Zone lebte und dann in der BRD, der gute Deutsche, ich aber, der nach sowjetischer Kriegsgefangenschaft zum DDR-Bürger wurde, bin der schlechte Deutsche.« Es bleibe Aufgabe, gegen den Zeitgeist wehrhaft zu bleiben, zugleich die selbstkritische Debatte zu führen.

Modrow beherrscht das Geschäft. Er antwortet auf Oertels Fragen und weiß doch immer auch, wie man eine Argumentation im Gespräch zu einer kleinen Rede steigert. Er spricht nicht auf Beifall hin, kriegt ihn aber selbstverständlich. Etwa, als er seine DDR-Regierung als Übergangsregierung, das Kabinett Lothar des Maizières aber als Übergaberegierung bezeichnet. »Mehr Kraft als für den Übergang hatten wir nicht, aber wir hatten noch Interesse an DDR-eigenen Gesetzen.« Beifall auch, als er von den Mühen seiner Regierung erzählt, Bodenreformland zu verteidigen. Wahrlich ehrenhafter für den eigenen Namen, sagt Gabi Oertel, »mit Modrow-Gesetzen in die Geschichte einzugehen als mit Riesterrente«.

Ein Abend mit einem über Achtzigjährigen, den man von Funktionen entlasten, den man aber nie »entlusten« konnte: Er ackert, zielstrebig zäh und doch irgendwie fein. Er agitiert. Mahnt. Hat gute Worte für Stolpe, Bahr, von Weizsäcker. Er wird den Weltpolitiker in sich nicht los. Japan, Russland, Lateinamerika. Ein unermüdlicher Dienstreisender und -denkender in Sachen Sozialismus. Der anders zu erreichen sei als nur durch »Transformation« im Kapitalismus. Fast nebenbei fällt das Wort von der Notwendigkeit einer »revolutionären Partei«, von »Kampfformen bis zum Generalstreik«. Jetzt scheint das Publikum zu lächeln. Einverständig. Modrows Buch heißt »Sagen, was ist«. Er ist in seinem Element, wenn er dafür begeistern darf, was wird, besser: werden möge.

Fotogalerie: ND im Club - Buchpremiere mit Hans Modrow

Gabriele Oertel: Hans Modrow – Sagen, was ist. Verlag Das Neue Berlin. 224 S., 16,95 Euro.

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