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Sie wollen, wenn sie müssen

Staat, Wirtschaft und Think Tanks entdecken Hausfrauen als potenzielle Fachkräfte

  • Von Regina Stötzel
  • Lesedauer: 3 Min.
Der Arbeitsmarkt braucht plötzlich alle – auch Frauen, die schon länger nicht mehr im Berufsleben standen. Eine Fachtagung des Wissenschaftszentrums Berlin beschäftigte sich mit der »Perspektive Wiedereinstieg«.
Die Not ist groß: »Der Fachkräftemangel bedroht den Standort Deutschland«, sagt Jürgen Wuttke, der Leiter der Abteilung »Arbeitsmarkt« der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Da wundert es nicht, dass Staat, Wirtschaft und Think Tanks eine Bevölkerungsgruppe nach der anderen entdecken, die noch Potenziale für die Wirtschaftskraft birgt: Ältere, Jüngere, Migranten – und Frauen.

Im Konferenzsaal des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) geht es um die ökonomische Kostbarkeit nicht erwerbstätige Frauen, die man früher wohl mehrheitlich als Hausfrauen bezeichnet hätte. »Perspektive Wiedereinstieg: Potenziale nicht erwerbstätiger Frauen für den Arbeitsmarkt« lautet der Titel der Fachtagung und auch einer Studie, die Jutta Allmendinger, die Präsidentin des WZB, zusammen mit Kollegen für das Bundesfamilienministerium erstellt hat. Denn auch das Ministerium hat die erwerbstätigen Frauen bereits »zum Thema gemacht«, wie Hermann Kues, der Parlamentarischer Staatssekretär im Familienministerium, erklärt, und die Bundesagentur für Arbeit gleich mit ins Boot geholt. Mit einem Aktionsprogramm sollen an 20 »Modellstandorten« Unternehmer dazu gebracht werden, »anständige Stellen« für Wiedereinsteigerinnen anzubieten, beschreibt Eva Maria Welskop-Deffaa, die Leiterin der Abteilung Gleichstellung im Familienministerium. »Dass die Unternehmen mitwirken wollen, ist für mich keine Frage, weil sie es müssen«, erklärt Wuttke mit bestechender Logik. Doch bislang gestaltet sich der Wiedereinstieg in den Beruf für Frauen, die mehrere Jahre pausiert haben, noch äußerst schwierig.

Das Familienmodell mit männlichem Alleinernährer sei in Deutschland inzwischen ersetzt worden durch das Modell »Ernährer plus 400-Euro-Job«, fasst Moderatorin Elisabeth Niejahr zusammen. Dass es darüber hinaus 5,6 Millionen nicht erwerbstätige Frauen gibt, hat, wie man bei der Tagung erfährt, nicht zuletzt mit der geringen Attraktivität dieses neuen Modells zu tun.

Aber nach der Babypause einen »anständigen« Job zu ergattern, ist schwierig. Denn die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist noch längst nicht erreicht, am Verhältnis der Geschlechter muss gearbeitet werden, und Arbeitszeiten und Kinderbetreuung sind nicht flexibel genug. Da Männer ohnehin meist vom Beginn der beruflichen Laufbahn besser verdienen – was im WZB nur dem Unternehmervertreter noch erklärt werden muss – und keinen Karriereknick durch die Familiengründung erleiden, stellt sich kaum die Frage, wer weiterhin das Geld nach Hause bringt. So seien die Frauen vom Ehemann abhängig und verließen sich darauf, dass die Ehe hält, obwohl die doch heutzutage »mindestens so wackelig wie der Arbeitsmarkt« sei, sagt Jutta Allmendinger. Ein schlecht bezahlter, wenig erfüllender Teilzeitjob ist häufig die einzige Alternative – und der Grund für viele Frauen, ganz zu Hause zu bleiben. Der Vergleich mit anderen Ländern lasse darauf schließen, dass gerade der hohe Anteil von Teilzeiterwerbstätigkeiten die Frauen vom Arbeiten abhält. »Man könnte fast sagen, Teilzeit verhindert höhere Erwerbsquoten von Frauen«, so Allmendinger.

Jene, die bereits länger nicht mehr im Berufsleben standen, verbinde vor allem eines: »Sie trauen sich nicht mehr zu, erwerbstätig zu sein«, berichtet sie weiter von ihrer Untersuchung. Sie fordert, um die Situation zu ändern, unter anderem eine »ernste Arbeitszeitdiskussion«. Auch sei ein »vollkommen neues System der Weiterbildung« nötig. Man müsse sich von der Vorstellung verabschieden, dass »der eine Beruf für das Leben hält«. Annelie Buntenbach, Vorstandsmitglied des DGB, spricht von Mindestlöhnen und der Aufhebung der »skandalösen Lohnunterschiede« zwischen Männern und Frauen. Minijobs kommen allgemein recht schlecht weg. Eine Teilnehmerin ergänzt, dass »Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigung«, besser bekannt als Ein-Euro-Jobs, Frauen zwar wunderbar »aktivieren« können, nur bekommen sie hinterher mitnichten einen regulären Job. Man darf bezweifeln, dass 20 »Modellstandorte« das ändern werden.

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