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Es gibt kein So-wie-früher

MARION TAUSCHWITZ erzählt anrührend vom Umgang mit dem Tod

  • Von Monika Melchert
  • Lesedauer: 3 Min.

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Kann man mit einem Toten leben? Eine junge Frau mit zwei kleinen Kindern hat durch einen Sportunfall ganz unerwartet ihren Mann verloren, mitten aus einem glücklichen Familienleben heraus. Sich einfach damit abfinden und weitermachen wie bisher, ist das die Lösung? Das ganze Trauerjahr über ist sie die starke Mutter, die ihren Söhnen eine normale Welt erhalten will, die ihnen den Vater zu ersetzen versucht, so gut es geht. Sie organisiert, fährt mit ihnen in die Ferien, plant alles durch und wird dafür von vielen bewundert. Doch wie sieht es in ihr aus? Sie vermisst ihren Mann so wie die Kinder ihren Vater vermissen. Anrührende kleine Szenen machen das deutlich: Die Jungen heben die After-Shave-Flasche des Vaters auf, und wenn es ganz schlimm wird, beschwören sie den Geist aus der Flasche, wie im Märchen. Die Frau muss die Wirklichkeit in ihre Gefühlswelt hereinlassen, die Gewissheit des Todes akzeptieren. Doch genau das kann sie nicht.

Mit einer hochsensiblen Sprache tastet sich Marion Tauschwitz immer weiter in die Welt der Empfindungen, in die Psyche der Frau vor. Man ahnt, wie stark die sich selber an ihre Wunschträume klammern muss, weil sie all ihre Kraft nach außen gibt. Und eines Nachts sitzt ihr Mann wirklich und leibhaftig wieder in seinem Sessel, spricht mit ihr, umarmt sie. Doch er warnt auch: »Dein Wunsch ist erhört worden und soll erfüllt werden. Aber weißt Du, worauf Du Dich einläßt?« Was dann, genau vom ersten Todestag des Mannes an, einsetzt, ist eine Herausforderung für die Frau, die sie fast um den Verstand bringt. Wir begleiten die Figur in die Verirrungen ihrer Seele ebenso wie in die Verwirrungen des Alltags, wenn sie ihrer Umwelt, den Schwiegereltern, dem früheren Chef begreiflich machen will, dass ihr Mann zurückgekehrt ist aus dem Totenreich: Ihre Hoffnung hat das Wunder möglich gemacht. Alles möge wieder so sein wie vorher.

Ein kompliziertes Thema, der Umgang mit der Welt der Toten. Unsere Träume, Sehnsüchte, Hoffnungen und Ängste gehören auch zur Wirklichkeit, selbst wenn sie keine bare Realität sind. Marion Tauschwitz war während der letzten fünf Lebensjahre die engste Mitarbeiterin und Vertraute der Dichterin Hilde Domin. 2009 veröffentlichte sie unter dem Titel »Dass ich sein kann, wie ich bin« eine umfangreiche Biografie über sie. Auch dabei hat sie sich mit dem Phänomen des Sterbens und des Abschieds beschäftigt. So findet sie für ihre Novelle einen überzeugenden Schluss. Es mangelt darin weder an Pathos noch an Poesie. Die Frau, die ihre nächtlichen Visionen für real hält, wird hart mit dem Gegenteil konfrontiert. Sie begreift gerade durch die normalen Dinge des Alltags, dass es kein »So-wie-früher« geben und man das Leben mit einem Toten nicht zurückzwingen kann. Das ist ihre wirkliche Trauerarbeit, die erst ein Jahr nach dem Tod des Liebsten einsetzt und damit endet, dass sie sich dem Unabänderlichen ergibt, es annehmen kann. Dann erst entschwindet die Gestalt des Mannes wieder: »Sie träumte nie wieder von ihm.«

Marion Tauschwitz: Schlägt die Nachtigall am Tag. Novelle. Verlag André Thiele. 120 S., brosch., 14,90 €.

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