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Geschmeißfliege und Herrenmensch

INGER-MARIA MAHLKE: »Silberfischchen« – ein bemerkenswertes Debüt

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Es ist eine an sich kleine, kammerspielartige Geschichte, die uns Inger-Maria Mahlke in ihrem ersten Roman erzählt – entrollt am Beispiel des pensionierten, ehemaligen Polizisten Hermann Mildt, der eine krude Obsession fürs Fotografieren hegt, und der ihm sprichwörtlich zugelaufenen spröden Polin Jana Potulski, deren Wege sich zufällig kreuzen – und im Folgenden Stoff für eines jener kleinen tragischen und in engstem, privatem Rahmen stattfindenden Schauspiele bieten, die Patricia Highsmith einmal »unsere privaten Weltkriege« nannte.

Nachdem Mildt den Dienst bei der Polizei quittieren musste, weil er seine im Garten tot unter der Wäscheleine liegende Frau genüsslich und in aller Seelenruhe in den Sucher seiner Kamera rückte, statt umgehend seine Kollegen zu verständigen, lebt er das Dasein eines zurückgezogenen Betrachters, der Tagesreisen mit dem Zug unternimmt, um am Ende höchst banale Dinge durch Druck auf den Auslöser seiner Kamera auf Film zu bannen. Eigentlich gleicht sein Leben längst einem ruhigen, abseits des eigentlichen Weltgeschehens dahinplätschernden Fluss. Doch als ihm die um ihre Habe und ihren Pass gebrachte Polin Jana Potulski im Berlin unserer Tage zunächst per Zufall über den Weg läuft und ihm schließlich kurzerhand unaufgefordert in seine vier Wände folgt, entspinnt sich zwischen beiden eine Geschichte voller Anziehung und Abstoßung, Gewalt und Gegengewalt. Das wird von Inger-Maria Mahlke mit bemerkenswertem psychologischem Einfühlungsvermögen ins Bild gesetzt – ein kleines, feines Stück Literatur, das in seinen besten Momenten an Georges Simenons 1971 von Pierre Granier-Deferre mit Jean Gabin und Simone Signoret verfilmten Roman »Die Katze« erinnert.

Mahlke versteht es mitreißend, das emotionale Hin-und-Her zwischen dem wortkargen Einzelgänger, der sich vor dem bedrohlichen Treiben der Außenwelt am liebsten in seine selbstgezimmerte Dunkelkammer zurückzieht, und der in eine soziale Schieflage geratenen Polin als faszinierenden Schlagabtausch zu inszenieren: Hier das insgeheim nach körperlicher Nähe hungernde Ekel Mildt, das nicht davor zurückschreckt, der sich entkleidenden Frau an die Brüste zu fassen, um sie im nächsten Augenblick »polnische Geschmeißfliege« zu titulieren; dort die geschickt mit Mildts erotischen Begehrlichkeiten spielende, und ihn als »Herrenmensch« bezeichnende Frau, die dessen Ausbrüche und Flüche so lange toleriert und kontert, bis sie gegen Ende des Buches der erhoffte Ersatzpass per Post erreicht, der es ihr erlaubt, das Irrenhaus Mildts auf Nimmerwiedersehen zu verlassen.

In Bildern von bisweilen bestechender Dichte und Genauigkeit schildert uns die 1977 in Hamburg geborene Autorin ein paar Tage aus dem Leben eines großen Unglücklichen, ja emotional Moribunden, der aufgehört hat, an die späte Erlösung seiner mit der Zeit immer kleiner gewordenen Wünsche zu glauben. Sie porträtiert einen Menschen, der es verlernt hat, sich auf einen anderen einzustellen. Roh und ungeschlacht glaubt er, sich nehmen zu können, was ihm als Mann, der einer Wildfremden Obdach gewährt, zuzustehen scheint. Wie es Mahlke dabei versteht, Mildts Verrohung als stille Rebellion gegen ein bloß noch als fremd und feindselig empfundenes Äußeres zu inszenieren, das ist gekonnt. Überhaupt hat man bei der Lektüre ihrer kleinen und an sich unspektakulären Geschichte nie das Gefühl, den Roman einer Debütantin zu lesen. Hier ist eine Erzählerin zu entdecken, von der man einiges erwarten darf.

Inger-Maria Mahlke: Silberfischchen. Roman. Aufbau Verlag. 199 S., geb., 16,95 €.

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