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Wirkungsmächtige Wahrheit

RINGELBLUMS VERMÄCHTNIS

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Mitten im 20. Jahrhundert mussten inmitten einer europäischen Metropole Zeitdokumente in Blechkisten und Milchkannen vergraben werden, um Zeugnis für die Nachwelt abzugeben. Die Rede ist vom Untergrundarchiv Oyneg Shabes, das das Leben im Warschauer Ghetto unter der deutschen Besatzung minutiös dokumentiert. Der jüdische Historiker Emanuel Ringelblum hatte die geheime Sammlung veranlasst und dafür gesorgt, dass sie erhalten blieb, als alle Verfasser dieser kaum erträglichen Alltagsgeschichte längst in den Lagern oder im Ghetto ermordet waren.

Unter der Bezeichnung »Ringelblum-Archiv« ist dieser einmalige Fundus weltweit bekannt geworden. Er wird im Jüdischen Historischen Institut in Warschau aufbewahrt und umfasst etwa 25 000 Seiten. Der amerikanische Historiker Samuel D. Kassow stellt es vor. Ein ganz außerordentliches Buch.

Kassow verbindet den Lebensweg des 1900 in Ostgalizien geborenen marxistischen Historikers Ringelblum mit der Darstellung der Lage der Juden zunächst im Reich der Habsburger und in dem nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen polnischen Staat. Er zeichnet die prekäre Situation der Juden in ihrer antisemitischen Umgebung nach und widmet dem leidenschaftlichen Diskurs innerhalb der jüdischen Organisationen und Parteien umfangreichen Raum: Zionismus oder Assimilation, religiöse oder soziologische Definition des jüdischen Volkes, jiddische oder hebräische Sprache, bürgerliche oder marxistische Ansätze. Ringelblum gehörte der Paolei Zion an, einer Partei, die sich auf marxistischer Grundlage eine Verbesserung der Lage der Juden nur durch eine klassenbewusste Arbeiterschaft vorstellen konnte. Sie vertrat eine Politik des gleichzeitigen Hier (in Polen) und Dort (in Palästina), wo sie sich nicht gegen die arabische Bevölkerung stellen wollte. Im Laufe der Zeit erkannte sie die Religion als konstitutiv für das jüdische Volk an und sprach in ihren offiziellen Verlautbarungen ab Mitte der 1930er Jahre nicht mehr von Palästina sondern von Erez Israel.

Ringelblum war ein loyales Mitglied dieser linken Partei, die im Konkurrenzkampf zur Kommunistischen Partei Polens stand. Er war promovierter Historiker und arbeitete auf dem Gebiet der Sozial- und Alltagsgeschichte der Juden in Polen. Er ging davon aus, dass nur eine gefestigte Kenntnis der Geschichte des jüdischen Volkes in Polen zu einer Verbesserung seiner Lage beitragen könne. Er schrieb aus Überzeugung und gezielt für sein Publikum in jiddischer Sprache. Zahlreiche jiddische Ausdrücke sind in der deutschen Übersetzung erhalten. Dadurch bekommt der Text eine atmosphärische Dichte.

Ringelblum blieb seiner Überzeugung über die Wirkung der historischen Wahrheit auch im Angesicht der Vernichtung alles Jüdischen treu. Mit der Wiederentdeckung des nach ihm benannten Archivs unter dem Trümmerschutt des Hauses Nowolipki-Straße 68 in Warschau ist die Wahrheit über das Ghetto wirkungsmächtiger geworden.

Kassow hat seinem faktenreichen, lesenswerten Buch einen Stadtplan, eine Zeittafel und eine umfangreiche Bibliographie, die allerdings ausschließlich aus englisch- und polnisch-sprachigen Titeln besteht, beigefügt.

Samuel D. Kassow: Ringelblums Vermächtnis. Das geheime Archiv des Warschauer Ghettos. Aus d. Amerik. v. Karl Heinz Siber. Rowohlt. 752 S., geb., 39,95 €.

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