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Ambivalente Beziehung

Jüdische Zeitzeugen diskutierten über ihre Erfahrungen in der DDR

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Die Situation von Juden in der DDR wurde seit den 1990er Jahren sehr unterschiedlich bewertet. Während einige Historiker von einem staatlichen Antisemitismus sprechen, gehen andere von zunächst repressiven, aber später auch toleranteren Phasen aus. In Berlin debattierten vor kurzem Zeitzeugen über dieses brisante Thema.
Die Synagoge Rykestraße der früheren Ostberliner Gemeinde ND-
Die Synagoge Rykestraße der früheren Ostberliner Gemeinde ND-

Peter Kirchner und Wolfgang Herzberg wuchsen als deutsch-jüdische Kinder in den 1940er Jahren auf. Der eine durchlitt die Verfolgungen des NS-Regimes in Berlin, der andere wurde in England als Sohn von Emigranten geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg entschieden sich ihre Eltern, in der DDR zu leben. Kirchner studierte Medizin und wurde 1971 Vorsitzender der Ostberliner Gemeinde. Herzberg ist Publizist und Liedermacher. Über ihre Erfahrungen als Juden im ostdeutschen Staat diskutierten sie jüngst gemeinsam mit dem Historiker Mario Keßler in der Veranstaltungsreihe »Kultur-lokal« der Linkspartei im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick.

»Ich bin in der Nachkriegszeit bewusst im Ostteil von Berlin geblieben, weil ich mich durch die dortige antifaschistische Ordnung vor Antisemitismus wesentlich besser geschützt fühlte«, erklärte Kirchner.

Doch dieses Schutzgefühl währte bei vielen Juden in den sozialistischen Staaten Osteuropas nicht lange. Denn 1951 wurden führende jüdische Funktionäre der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, unter ihnen der ehemalige Generalsekretär Rudolf Slansky, wegen Kontakten zum angeblichen US-amerikanischen Spion in Ungarn, Noel Field, verhaftet und im Jahr darauf verurteilt und hingerichtet. Auch in der Sowjetunion kam es bei der sogenannten Ärzteverschwörung bis zum Tode Josef Stalins im März 1953 zu ähnlichen Schauprozessen gegen Juden.

»Die stalinistischen Verfahren waren in der DDR im Vergleich zur Tschechoslowakei und anderen osteuropäischen Staaten deutlich abgeschwächt«, sagte Mario Keßler. Im Zuge der Field-Affäre wurde 1952 unter anderem das nicht-jüdische Politbüromitglied Paul Merker verhaftet. Drei Jahre später wurde Merker als vermeintlicher zionistischer Agent zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. In dieser Zeit verließen hunderte Juden die DDR. Die Gemeinde schrumpfte von etwa 5000 auf nur noch rund 1500 Mitglieder.

Kirchner hielt sich zu diesem brisanten Thema eher bedeckt. Er sei damals noch sehr jung gewesen und habe deswegen von politischen Ereignissen wenig mitbekommen. Erinnerungen habe er lediglich an Aufrufe vom damaligen Gemeindevorsitzenden Westberlins, Heinz Galinski, wegen »drohender Verfolgungen im Ostblock« in den Westen überzusiedeln. Kirchner blieb. Denn er sei in der DDR weder von Verfolgungen betroffen gewesen noch aufgrund seiner Herkunft diskriminiert worden. Die Gemeinde habe vielmehr auch unter seinem Vorsitz ihre eigene Kultur bewahren können und in der Synagoge Rykestraße in Prenzlauer Berg traditionelle Feste gefeiert.

Verstärkte staatliche Unterstützung erhielt die Gemeinde, als sich nach der jahrelangen einseitigen Parteinahme für die Palästinenser im Nahostkonflikt seit Mitte der 1980er Jahre das Verhältnis zwischen der DDR und Israel entspannte. 1987 wurde in Ostberlin sogar ein Rabbiner aus den USA eingestellt und mit einem Dienstwagen sowie einer Dienstwohnung ausgestattet. Die Liaison hielt aber nur ein Jahr lang.

»Die Gemeinde war stark vom Wohlwollen der politischen Führung abhängig«, erklärte Kirchner. Deswegen sah die unter Überalterung sowie Geburtenrückgang leidende und zuletzt nur noch etwas über 200 Mitglieder zählende Gemeinde auch keine Möglichkeiten, im Zuge der Bürgerrechtsbewegung Ende der 1980er Jahre eine ähnliche Rolle wie etwa die evangelische Kirche zu spielen. »Wir wollten nicht unsere Existenz aufs Spiel setzen«, so der ehemalige Vorsitzende.

Wolfgang Herzberg erlebte die DDR im Gegensatz zu Kirchner wegen seines atheistischen Elternhauses nicht inner-, sondern außerhalb der Gemeinde. Seiner jüdischen Herkunft wurde er sich erst als Schulkind in Berlin-Weißensee bewusst. »Als wir ziemlich laut waren, sagte ein Lehrer, der sich später dafür entschuldigen musste, dass es wie in einer Judenklasse zuginge«, erinnerte sich Herzberg. Daraufhin habe er seine Eltern gefragt, was ein Jude eigentlich sei.

Als Ursache für diesen gelegentlichen Alltagsantisemitismus sieht Herzberg eine geringe Auseinandersetzung in Bildungseinrichtungen und Medien der DDR mit jüdischer Kultur und Geschichte. Dagegen habe er zur Aufarbeitung der Nazizeit seit den 1970er Jahren zahlreiche Biografien deutsch-jüdischer Überlebender gesammelt und in dem Buch »Überleben heißt Erinnern« im Aufbau Verlag veröffentlicht.

Trotz ihrer unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen stehen Kirchner und Herzberg gleichermaßen der Interpretation eines staatlichen Antisemitismus in der DDR, wie sie etwa der Historiker Michael Wolffsohn formuliert, kritisch gegenüber. Die Repressionen in den 1950er Jahren sowie die Haltung zum Nahostkonflikt seien vor allem der damaligen außenpolitischen Agenda geschuldet. Andererseits betonten beide, dass jüdische Schriftsteller und Schauspieler wie Anna Seghers, Arnold Zweig, Gerry Wolff und viele andere innenpolitisch großen Einfluss auf das kulturelle Leben in der DDR genommen hätten.

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