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Am Ende der Nahrungskette

Bereits eine Million Menschen erhalten Lebensmittel von den Tafeln – das Konzept ist umstritten

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Über 870 Tafeln gibt es in Deutschland – Tendenz steigend. Mehr als eine Million Menschen erhalten dort täglich gegen einen geringen Obolus gespendete Lebensmittel. Doch viele Tafeln tun weit mehr, als Brot, Obst oder Gemüse auszugeben. Sie bieten etwa Kochkurse an oder betreiben Jugendrestaurants. Beim vierten bundesweiten Tafel-Tag am vergangenen Wochenende rückten die Helfer das Thema Armut in die Öffentlichkeit und warben für ihr soziales Engagement.
Kinder-Tafel im Kirchenkreis Hagen
Kinder-Tafel im Kirchenkreis Hagen

»Unser Auftrag kann nicht länger allein darin liegen, Bedürftige mit gespendeten Lebensmitteln zu versorgen. Wir müssen weg von der reinen Armenversorgung«, sagt Sabine Werth, Vorsitzende der Tafel und 1993 Gründerin der ersten Einrichtung dieser Art in Deutschland. Sie will deshalb mit ihren Helfern die Kinder- und Jugendarbeit weiter ausbauen und alle sozialen Schichten erreichen.

Im »Centre Talma« in Berlin-Reinickendorf etwa gingen früher französische Soldaten ein und aus. Heute können hier im Kinderrestaurant »Talmarant« junge Gäste ausgewogene Ernährung kennenlernen. Für einen Euro gibt es ein Drei-Gänge-Menü, ein Getränk inklusive. Eingeladen seien »alle Kinder und Jugendlichen, ganz gleich welcher Herkunft, egal ob arm oder reich«, wirbt die Homepage.

Zugleich sollen Esskultur und Tischsitten vermittelt werden, die angesichts von »Fingerfood, Dönerbuden und Fastfoodketten mitunter auf der Strecke bleiben«. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt seit 2004 das Restaurant »Fünf Jahreszeiten«, das die Tafel in Berlin-Kreuzberg betreibt.

Obstfrühstück für Kinder

Ganz neue Wege gehen die Berliner seit April mit dem »KIMBAmobil«. Der Doppeldeckerbus, ausgestattet mit moderner Küchentechnik, fährt Schulen und Jugendeinrichtungen an. Das Konzept: Junge Menschen bereiten unter professioneller Anleitung ihr Essen gemeinsam zu. Laut Tafel-Chefin Werth wird das Projekt begeistert aufgenommen: »Der Bus ist bis Ende des Jahres ausgebucht.« Andererseits stürzen die neuen Projekte die Tafel in der Hauptstadt in finanzielle Schwierigkeiten. Erst dieser Tage beklagte Werth einen dramatischen Spendeneinbruch. Bereits am kommenden Montag startet sie dennoch ein neues Projekt. Mit Unterstützung der evangelischen Kirche will sie in Spandau bedürftigen Tierhaltern helfen.

Auch Werths nordrhein-westfälischer Kollege Manfred Baasner vertritt einen weit gefassten Hilfeansatz: »Wir sprechen mit den Menschen, hören ihnen zu und nehmen Anteil«, sagt der Leiter der Wattenscheider Tafel, die dort und in Bochum mit über 400 Helfern ein breites soziales Feld bestellt. Das Tabu-Thema Kinderarmut packten die Wattenscheider auf ihre Art an. Sie ersannen die Initiative »Vitaminreiches Frühstück«, bei dem Obst und Gemüse einfach aus der Hand gegessen wird. Heute erhalten 64 Kitas und 26 Schulen die frischen Waren von der Tafel oder holen sich die Lebensmittel ab und bereiten ihre Pausensnacks selbst zu.

Rückzug des Staates

Mehr als 40 000 ehrenamtliche Tafel-Helfer bundesweit bringen »den Überfluss unserer Gesellschaft dahin, wo er hingehört«, sagt Baasner. Doch unumstritten ist das Engagement nicht. Der Arzt und Sozialwissenschaftler Gerhard Trabert nennt das Versorgungskonzept höchst problematisch. »Es kann nicht sein, dass Menschen auf diese Dienste angewiesen sind, um in unserer reichen Gesellschaft zu überleben«, kritisiert der Professor der Wiesbadener Hochschule RheinMain. Der Staat dürfe nicht aus seiner Verantwortung für die Armen entlassen werden.

Ungeachtet dessen werde aber der Bedarf an den Tafel-Angeboten weiter zunehmen, ist sich der Vorsitzende des Bundesverbandes Deutsche Tafel Gerd Häuser sicher und verweist auf viele erfolgreiche Projekte. Weitergehende Hilfen sieht er indes mit Skepsis. Ein solches Engagement sei nur realistisch in Verbindung mit den Sozialverbänden. »Da lässt sich soziale Arbeit gut vernetzen.«

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