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Ganztagsschule halbtags

In Niedersachsen suchen alle Beteiligten nach einem langfristig stabilen Schul-Kompromiss

  • Von Velten Schäfer
  • Lesedauer: 3 Min.

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Ganztagsschulen, Gesamtschulen – oder Gymnasium: In Hannover ist das nicht weniger umstritten als in anderen Landeshauptstädten. Doch hier im schwarz-gelb regierten Niedersachsen wollen sich Parteien, Verbände, Träger und Gewerkschaften zusammenraufen, um ein hektisches Hin und Her zu vermeiden.

Wenn Niedersachsens Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) von der Zukunft spricht, dann dauert es nicht lange, bis er »Ganztagsschule« sagt. Betrieb bis 17 Uhr, vier Tage die Woche, Mittagessen und Hausaufgabenbetreuung – so soll zusätzliches Lernen zu Hause überflüssig werden. Ziel ist eine bessere Bildung für Kinder – besonders auch für die mit Sprachproblemen oder aus einem sogenannten bildungsfernen Haushalt. So ähnlich hat es der Minister erst vor wenigen Tagen gesagt. Schon seine Vorgängerin hatte oft die Ganztagsschule hervorgehoben: 2003 habe es gerade mal 150 solcher Schulen gegeben, jetzt über 1100.

Selbst Richard Lauenstein, Sprecher der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Hannover, billigt Althusmann eine »modernere« Haltung zu. Dennoch ärgert er sich über solche Erfolgsmeldungen. Die »offenen Ganztagsschulen«, sagt er, im Land seien keine echten Ganztagsschulen, sondern schon konzeptuell nur »Halbtagsschulen mit Nachmittagsbetreuung« – oft durch Vereine, Eltern oder mehr oder minder ungelernte Helfer.

»Mit ernsthafter Pädagogik hat das wenig zu tun«, so Lauenstein. Die SPD-Bildungsexpertin Frauke Heiligenstadt hat denn auch gerade Alarm ausgelöst: Sie stellte eine Notiz aus dem Ministerium ins Internet, aus der nicht nur hervorgeht, wie knapp alle seit dem Landtags-Wahljahr 2008/2009 zugelassenen Ganztagsschulen ausgestattet wurden. Sie bekamen lediglich 2,5 Lehrer-Stunden mehr bewilligt – zudem beschränkt auf die Klassenstufen drei bis sechs. Weiter steht in dem Papier über künftige Ganztagsschulen: »Auch zum Schuljahr 2011/2012 können Anträge genehmigt werden, aber ohne zusätzliche Personalressourcen.« Im Land stößt das vielfach auf Kritik. Selbst in den braven Lokalzeitungen scheint oft Ärger durch, wenn über »Ganztagsschulen« berichtet wird. Erst vor wenigen Tagen etwa berichtete der Bremer Weser-Kurier aus dem niedersächsischen Achim: Die Schulleiterin selbst spricht im Bericht von einem »Sparmodell« – und zitiert gar aus einem Artikel, in dem das Wort »Mogelpackung« vorkam.

Diskriminierende Regeln

Auch Christa Reichwaldt hält die »echte« Ganztagsschule für eine »Grundbedingung guter Schule« – jenseits der noch viel kontroverseren Debatte um die Schultypen. Auf diesem Spielfeld sei Schwarz-Gelb in Hannover einst angetreten, um die sozialdemokratische »Integrierte Gesamtschule« (IGS) zurückzudrängen – sei aber auf halbem Weg stecken geblieben. Dies auch durch ein Phänomen, welches die Bildungspolitische Sprecherin der Linkspartei im niedersächsischen Landtag eine »Gesamtschulbewegung« nennt.

Für Reichwaldt und Lauenstein wird die »Integrierte Gesamtschule« aber weiterhin durch Sondervorschriften diskriminiert: So müssen IGS fünfzügig sein, eine sehr langfristige Schülerzahlenprognose vorweisen können – und zudem nachweisen, dass ihre Existenz keine der »normalen« Schulen im Einzugsbereich gefährdet, listet Reichwaldt auf. Lauenstein ärgert sich am meisten über die Bestimmung, dass es alle IGS-Schüler in 12 Jahren zum Abitur schaffen sollen, was längst nicht für alle Gymnasien gilt. Zusätzlich müssen die Gesamtschul-Abituranwärter vor den beiden letzten Jahren in allen wichtigen Fächern die anspruchsvolleren sogenannten Z-Kurse belegen – und dürfen dabei keine Fünf auf dem Zeugnis haben.

Das alles soll nun auf einen Runden Tisch. Elternvertreter, Verbände, Gewerkschaften und Parteien wollen – statt den »Hamburger Weg« zu gehen – einen »Schulfrieden« aushandeln. Ein Programm, das auch den nächsten Regierungswechsel überstehen würde und nicht neue Unruhe ins System brächte.

Und die Geldfrage?

Vorgespräche auf Initiative der Elternverbände haben schon stattgefunden, nun warte man auf eine Einladung des Ministeriums, sagt Christa Reichwaldt. Das Angebot an die CDU/FDP-Regierung sei dabei in etwa dieses: Wenn die Diskriminierung der Gesamtschulen beendet wird, legt die Opposition einstweilen keine Hand an das Gymnasium. Hinter diesen ideologischen Fragen verschwindet das Problem der Gesamtschul-Finanzierung fast.

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