Werbung

Bittere Wirklichkeit des Tanzes

Christoph Winkler mit »Taking Steps« in den Sophiensaelen

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Mit einer bemerkenswerten Choreografiearbeit wartet Christoph Winkler derzeit in den Sophiensälen auf. Der gewöhnlich formenstrenge Bewegungsmeister wählt in »Taking Steps« eine überraschend offene Form. Seine drei Tänzer dürfen laufen, sprechen und zuweilen auch vermeintlich entspannt auf der Bühne herumstehen. Was sie zu erzählen haben, ist aus ihren Lebenssituationen und auch dem Alltag der meisten ihrer Zuschauer herausgerissen: Das Trio stellt sich Bewerbungssituationen. Individuelle Stärken und der Nutzen, den das Projekt davon haben könnte, werden herausgestrichen. Die Kandidaten versuchen sich dabei gegenseitig zu übertreffen. Christine Joy Ritter preist die Länge ihrer Beine an, Martin Hansen die Höhe seines Intelligenz-Quotienten. Luke Garwood könne immerhin sehr hoch springen, versichert der groß gewachsene Kanadier. Jeder potenzielle Arbeit- und Choreografiegeber kann nun wählen, welche Qualitäten ihm die wichtigeren sind.

Nachdem Winkler und sein Team die Abgründe und auch die komischen Untiefen dieses Marktplatzes der Arbeit gründlich abgetastet haben, widmen sie sich in einem zweiten Teil des Abends den Parolen vom »lebenslangen Lernen«. Natürlich wenden sie auch hier eine ironische Lesart an. Die Tänzer zitieren verbal und in kurzen Bewegungssequenzen die Workshops, Ballett- und Tanzausbildungen, die sie in ihrer Karriere absolviert haben. Das Durcheinander von Ballett, Modern Dance und HipHop, Cunningham-, Laban-, Graham- und Alexandertechnik, Kontaktimprovisation und Yoga sowie das gehetzte Reden darüber reflektieren nicht nur die fast schon verzweifelte Suche professioneller zeitgenössischer Tänzer nach dem »richtigen« Ausbildungs- und Trainingspaket. Es gibt auch einen Hinweis darauf, dass Kriterien zur Bewertung der Qualität dieser doch sehr diversen Disziplinen und Techniken nur sehr schwer zu finden sind und daher das Tänzerindividuum in den Momenten der Orientierung auf seine eigene Intuition und die von Kollegialität wie Konkurrenz geprägte Kommunikation mit Berufsgenossen angewiesen ist. Der Mensch, der arbeitet und sich weiterbildet, um weiterarbeiten zu können, ist ganz auf sich allein gestellt, lautet der bittere Tenor dieser Sequenz.

Auf eine bislang im zeitgenössischen Tanz nicht erlebte Höhe von gesellschaftlicher Kritik und stupender Selbstkritik begeben sich Winkler und seine Truppe im Finale. Die Tänzer stellen sich gegenseitig die Frage, was sie nach all den Jahren des Ballettunterrichts, des Umschwenkens auf den Konzepttanz, nach Zehntausenden nach unten blickenden Hunden aus der Yoga-Praxis und Wochen, die allein von Sit Ups angefüllt sind, denn tun würden, wenn der Scheinwerfer sie erfasst und zweitausend erwartungsvolle Augenpaare auf ihren Leib geheftet sind. Nun, die Bewegungen, die sich die drei dann abringen, sind von beachtlicher Intensität. Sie wirken aber doch so gebremst, vorzeitig abgebrochen und fragmentarisch, dass man diesen Instrumenten der Bewegungskunst die Gefangenschaft in einer Spielart von Tanz, die Bewegung permanent infrage stellt, sehr deutlich ansieht.

Höhepunkt schließlich sind inszenierte Gagenverhandlungen auf offener Bühne. Die Differenz zwischen der Honoraruntergrenze, zu der sich Teile der Branche inzwischen durchgerungen haben, und dem Praktikantensalär, das viele Compagnies auch Künstlern mit 20jähriger Berufserfahrung anbieten, wird offensichtlich. »Taking Steps« zeigt, dass das permanente berufs- und lebensbegleitende Lernen der Tänzer beileibe nicht zu einer soliden, den Lebensunterhalt sichernden Existenz führt. Es handelt sich lediglich um eine Strategie der (Selbst-)Beruhigung und Disziplinierung. Winkler ist ein präzises, bitteres und zuweilen auch hochkomisches Porträt der postmodernen Arbeitsgesellschaft gelungen. Bemerkenswert ist, dass er zwar durchaus konkrete Probleme artikuliert, dabei aber nicht in den erzählerischen Duktus des Tanztheaters zurückgefallen ist, sondern seinen strukturalistischen Gestus beibehalten hat. In den letzten Wochen der Leitungstätigkeit Heike Albrechts präsentieren die Sophiensäle ein bemerkenswertes Stück zeitgenössischen Tanzes.

8.-10.10., 19 Uhr, Sophiensäle, Sophienstr. 18

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!