Motive menschlichen Verhaltens

Margarete Mitscherlichs Buch »Die Radikalität des Alters«: ein Zeugnis psychoanalytischer Zeitgeschichte

  • Von Hans-Joachim Maaz
  • Lesedauer: ca. 7.0 Min.
Hans-Joachim Maaz, geboren 1943, ist Psychiater, Psychoanalytiker und Autor. Der langjährige Chefarzt der Psychotherapeutischen und Psychosomatischen Klinik im Evangelischen Diakoniewerk Halle wurde nach der Wende einem breiten Publikum durch Buchpublikationen bekannt, darunter »Der Gefühlsstau. Ein Psychogramm der DDR« (1990), »Das gestürzte Volk oder die verunglückte Einheit« (1991) und »Die Entrüstung« (1992). In jüngeren Veröffentlichungen wie »Der Lilith-Komplex« (2005) oder »Die Liebesfalle« (2007) beschäftigt sich Maaz mit zwischengeschlechtlichen Beziehungen und dem prägenden Einfluss der Familie.

Margarete Mitscherlich hat – 93-jährig – ein neues Buch mit dem Titel »Die Radikalität des Alters« geschrieben. Der Titel ist etwas irreführend, da sie überwiegend über ihr Leben als Frau, Psychoanalytikerin und Feministin reflektiert und die Denkprobleme des Alters: Starrsinn oder Furchtlosigkeit selbst für sich nicht eindeutig beantwortet.

Denkbrüche, Widersprüche und Ambivalenzen durchziehen das ganze Buch. Ich finde eine Fülle wichtiger Feststellungen und Beschreibungen individueller Not und gesellschaftlicher Pathologie. Mitscherlich stellt die richtigen Fragen, allerdings ohne sie immer – nach meinem Verständnis – ausreichend kausal zu beantworten. Sie ist eine Psychoanalytikerin der »alten Schule«; vor allem Sigmund Freud und wohl auch Melanie Klein verpflichtet, aber die Vorbilder, die mein psychoanalytisches Denken wesentlich beeinflusst haben, wie Wilhelm Reich, Erich Fromm und auch Horst-Eberhard Rich...

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