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Die Bewohner zahlen enorme Preise

Hamburgs Oberbaudirektor Jörn Walter über die Entwicklung eines neuen Stadtquartiers

Prof. Jörn Walter arbeitete als Stadtplaner in Düsseldorf, Maintal und Dresden, wo er auch einen Lehrauftrag an der Technischen Universität hatte. 1999 übernahm der heute 53-Jährige den Posten des Oberbaudirektors in Hamburg. Mit ihm sprach Volker Stahl.
Die Bewohner zahlen enorme Preise

ND: Welche Philosophie steckt hinter der HafenCity-Architektur?
Walter: Städtebauliches Hauptziel ist die Anbindung der HafenCity an die Hamburger Innenstadt mit entsprechenden urbanem Milieu. In der HafenCity wollen wir verschiedene Quartiere mit unterschiedlichen Qualitäten schaffen. Man soll dort arbeiten, wohnen, einkaufen, Kulturangebote nutzen können.

Wie würden Sie einem chinesischen Touristen in wenigen Sätzen den Reiz der HafenCity erklären?
Die wichtigste Aufgabe ist es, hier eine urbane Stadtstruktur zu schaffen. Es ist uns im Städtebau über lange Zeit nicht gelungen, lebendige, attraktive und anpassungsfähige Quartiere zu bauen. Ich denke, dass wir da auf einem guten Wege sind. Es gibt kaum ein Neubauprojekt mit einem so hohen Grad an Durchmischung von Wohnen, Arbeiten und Läden wie in der HafenCity– in einem Gebäude oder in direkter Nachbarschaft. Auch die Verknüpfung von öffentlichem Raum und Gebäude hat Vorbildcharakter. Das alles ist uns hier bisher auf einem hohen architektonischen Niveau gelungen.

Dennoch: Auf viele Besucher wirkt der neue Stadtteil etwas steril: versiegelte Flächen, wenig Grün, trostlose Spielflächen. Wird da noch nachgebessert?
Man darf nicht übersehen, dass von den geplanten Parkanlagen jetzt die erste im Bau ist. Da wird sich noch einiges ändern. Ein Problem wird bleibt: Wir haben uns bewusst dafür entschieden, die alten, tiefen Kaianlagen zu erhalten, um das historische Milieu mit den Kränen, Schienen und Pflaster zu erhalten. Weil die Kais ein- oder zweimal im Jahr überflutet werden, ist es nicht möglich, in diesem Bereich alles grün zu gestalten. Bei jeder Flut geht viel kaputt.

Was sagen Sie zu dem Vorwurf, in der HafenCity entstehen zu viele Büros und zu wenig Wohnraum?
Explizites Ziel des Masterplanes ist ein starker Wohnungsbauanteil. Darüber hinaus wollen wir auch Innenstadt bauen. Innenstadt besteht nicht aus einer reinen Wohnsiedlung – dazu gehören Arbeitsplätze im Büro-, Einkaufs- und Dienstleistungsbereich sowie Läden in den Erdgeschossen. Aktuell leiden wir unter dem berühmten Schweinezyklus im Büromarkt mit relativ hohem Leerstand. Längerfristig wird sich das ändern.

Zumindest der Mix der Bewohner lässt Zweifel an der angestrebten Pluralität aufkommen: Rund zwei Drittel wählen CDU und FDP!
Wir wollten von Anfang an ein hohes Maß an Durchmischung. Deshalb haben wir am Kaiserkai für unterschiedliche Zielgruppen ausgeschrieben. Dort sind Genossenschaften, Baugemeinschaften und private Investoren aktiv geworden. Wir decken aber nicht das Gesamtspektrum der Stadt ab, was ein zu hoch gesteckte Ziel wäre.

Zudem hatten wir am Kaiserkai eine Entwicklung, die ich nicht für möglich gehalten hatte. Die Straße war plötzlich so beliebt, dass die Bewohner dort Preise gezahlt haben, die mir 2003 völlig unrealistisch erschienen wären. Sogar die Mieter haben sich gegenseitig auskonkurriert, indem sie sagten: Ich möchte gerne diese Wohnung und wäre bereit, einen Euro mehr pro Quadratmeter zu zahlen. Gerade diese Entwicklung auf dem privaten Markt hat zum heutigen Image der HafenCity beigetragen. Das werden wir nicht fortsetzen.

Sondern?
Wir steuern ganz bewusst gegen. Wohnungen sind teils vorrangig für Genossenschaften ausgeschrieben. Zudem haben wir das Thema Mietpreise zu einem Auswahlkriterium gemacht und werden auch geförderten Wohnungsbau realisieren. So wollen wir die Gewichte wieder zurechtrücken, ohne zu vergessen, dass wir hier über eine zentrale Stadtlage mit hoher Qualität reden.

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