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Ob man's glaubt oder nicht

Das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden erkundet das »Kraftwerk Religion«

  • Von Hendrik Lasch, Dresden
  • Lesedauer: 6 Min.
Die Künstlerin Judith Albert hat für den Schweizerischen Kunstverein einen Bildschirmschoner mit dem Heiligen Isidor entworfen. Er ist als offizieller Patron des Internets im Gespräch.
Die Künstlerin Judith Albert hat für den Schweizerischen Kunstverein einen Bildschirmschoner mit dem Heiligen Isidor entworfen. Er ist als offizieller Patron des Internets im Gespräch.

Falls es einen Gott gibt: Wo ist er zu finden? Nur in unserem Kopf, meinen kanadische Wissenschaftler. Sie haben eine Versuchsanordnung ersonnen, die das beweisen soll. Herzstück ist ein orangefarbener Mopedhelm, aus dem Drähte und blaue elektronische Bauteile ragen. Die futuristisch wirkende Kopfbedeckung ermöglicht es, den so genannten Temporallappen elektromagnetisch zu stimulieren, einen Teil des menschlichen Gehirns, der das Zentrum der religiösen und spirituellen Erfahrung beherbergen soll. Dieses nun lasse sich von außen beeinflussen, behaupten die Forscher: Menschen, denen der Helm übergestülpt wurde, hätten Gott gespürt, mindestens aber das »vage Gefühl der Präsenz einer großen Kraft« erlebt. Gott, folgern die Forscher, existiert nicht wirklich, sondern ist eine Vorstellung im Gehirn, die sich nach Belieben auslösen lässt: Schalter an – und glauben.

Der Helm ist in der neuen Sonderausstellung im Dresdner Hygiene-Museum zu sehen, die »Kraftwerk Religion« heißt und in der, so der Untertitel, »Über Gott und die Menschen« nachgedacht wird. Das kanadische Experiment zeigt, welch kuriose Wege teilweise eingeschlagen werden, um die vielen mit diesem Thema verbundene Fragen zu beantworten. Wirkliche Antworten liefert der physikalische Versuchsaufbau nur bedingt. Selbst wenn Glaube auf das Zusammenwirken von Elektromagnetismus und Biochemie zu reduzieren wäre: Wo wären Magnetfelder zu suchen, die Muslime dazu bringen, Flugzeuge in Hochhäuser zu steuern, oder die evangelikale Pfarrer treiben, einen Koran verbrennen zu wollen?

Es waren Ereignisse wie diese – konkret: die Attentate vom 11. September 2001 –, die Antrieb für die Ausstellung waren. In ihnen sei »Glauben in einer Intensität aufgeblitzt, von dem wir nicht gedacht hätten, dass er in der Welt noch existieren könnte«, sagt Petra Lutz, die Kuratorin der Exposition. Mit gebührendem Abstand versucht diese nun eine »Annäherung an die menschliche Fähigkeit zu glauben – oder auch nicht zu glauben«, sagt Museumschef Klaus Vogel, der einräumt, es habe in den vergangenen Monaten »enorm viel kostenlose Werbung« für das Thema gegeben – unter Stichworten wie Missbrauch oder dem Streit um Kruzifixe, Kopftücher und Karikaturen, um nur einige zu nennen.

In die lauten medialen Debatten will sich das Museum freilich nicht einschalten – im Gegenteil: Man bemühe sich um »professionelle Distanz statt um Pathos und Inbrunst«, so Vogel. Der Ausstellung gehe es nicht um die weitere Beschleunigung des Diskurses, sondern zunächst um die Befähigung dazu. Dafür wirft man eine Fülle an Fragen auf: Warum, woran und in welcher Form glauben Menschen, wie bilden sich Glaubensgemeinschaften, welcher Fragen nimmt sich Religion an, wo befruchtet deren Ausübung die moderne Gesellschaft, wo lauern Konflikte?

Polarisierende Antworten habe man vermieden, so Lutz. Die Ausstellung will vielmehr differenzieren, womöglich auch verwirren; sie zielt weniger auf vermeintliche Gewissheiten als aufs Nachdenken über Glauben und Religion – ein sinnvolles, aber auch schwieriges Anliegen gerade in einem Landstrich, der einst Kernland der Reformation war und heute zu den am stärksten säkularisierten Regionen Europas gehört.

Der Vielfalt an Fragen und Themen entspricht eine enorme Fülle an Objekten, Präsentationen und Animationen in der Ausstellung selbst. Diese präsentiert sich in drei Räumen, die sich nacheinander den Themen

»Religion in der Gesellschaft«, »Gemeinschaften« sowie »Offenbarung und letzte Fragen« widmen. Die Ausstellungsarchitektur, die der Berliner Gestalter Marco Unterhaslberger entworfen hat, setzt für die Präsentation auf Landschaften aus grauem Filz: teils kristalline, teils an Sandsteintürme erinnernde amorphe Formen in den beiden ersten Räumen, präzise Pyramiden im dritten Raum. Zwischen ihnen entfaltet sich ein Netz von Wegen, an deren Rand es Unmengen an kleinen und großen Schätzen zu entdecken gibt, auf denen man sich freilich aber auch verlaufen kann.

Vermittelt wird das Thema auf mehreren Wegen, die sowohl der nüchtern-wissenschaftlichen Betrachtung als auch der subjektiven Sicht der Gläubigen (und Nichtgläubigen) gerecht werden wollen. Für erstere stehen 300 Objekte. Darunter sind Götterdarstellungen aus zahlreichen Religionen, die kurioserweise zumeist in Dresdner Geschäften erworben wurden; eine Sammlung von Gefäßen, die Wasser aus Mekka und vom Jordan, aus Lourdes und von einer Marienquelle in Polen enthalten; Spielsachen wie ein mechanischer Shinto-Schrein, eine geschnitzte Arche Noah aus dem Erzgebirge oder eine verschleierte Barbie-Puppe, die zeigen, wie religiöse Praktiken im Kindesalter eingeübt werden. Komplexere Erläuterungen liefern Videoanimationen, die jeweils binnen vier Minuten etwa über die Geschichte der Kreuzzüge oder über Statistiken zum Thema Religion informieren. Es gibt, so lernt man dort, eine auffällige Korrelation zwischen Religiosität und fehlendem Wohlstand. Einzige Ausnahme seien die USA, wo die Bevölkerung reich und dennoch überwiegend fromm sei.

Daneben sucht die Ausstellung dem Umstand gerecht zu werden, dass Glaube zwar institutionalisiert wird, aber dennoch eine individuelle Angelegenheit bleibt: »Was Menschen glauben, kann man nicht einfach in eine Vitrine stellen«, wie es an einer Stelle heißt. Mitarbeiterinnen des Museums haben deshalb zahlreiche Interviews geführt, die in

Ausschnitten auf Videoschirmen zu sehen sind und sich teilweise um brisante Fragen drehen: Soll Religion Privatsache sein? Hat der Staat dennoch eine Schutzpflicht? Was ist wichtiger: Tierschutz oder Religion – auch wenn zu deren Zeremonien das Schächten gehört? Die Gesprächspartner – Katholiken, Muslime, Atheisten; Laien und Würdenträger; Alte und Junge, Frauen und Männer – berichten aber auch über Alltägliches, etwa über den Umgang mit abweichenden religiösen Überzeugungen im Freundeskreis.

Zusammengenommen ergibt das eine Ausstellung, die in bewährter Tradition des Hauses kraftvolle Bilder liefert, überraschende Einsichten vermittelt und manchmal ins Grübeln bringt. In gewisser Weise gilt für die Exposition, was diese über Religion behauptet: Diese habe nicht immer feste Antworten auf letzte Fragen, verfüge aber über eine Sprache, sie zu umschreiben, und Bilder, um sie zu deuten.

Das »Kraftwerk Religion«, so viel offenbart die Dresdner Ausstellung gerade auch Ungläubigen, liefert weiter Energie – so viel, dass sie ab und an zerstörerisches Ausmaß annimmt. Gläubigen bringt sie nahe, dass sich alternative Energie auch aus dem Entschluss ziehen lässt, nicht zu glauben – oder sich eigene Energiequellen zu suchen. In einer Vitrine fast am Ende der Ausstellung liegt ein Trikot von Diego Armando Maradona. Es gibt Menschen, für die das Fußballerhemd eine Art Reliqiue ist: die Anhänger der »Iglesia Maradoniana«, einer 1998 in Argentinien begründeten Kirche, deren Gott »D10« ist, jener Spieler mit der Rückennummer 10, der bei der Weltmeisterschaft 1986 im Viertelfinale zwischen Argentinien und England ein entscheidendes Tor unter Zuhilfenahme der »Hand Gottes« erzielte. In der »Maradona-Kirche« wird der Jahrestag dieses Spiels als Osterfest gefeiert – ob man es glaubt oder nicht.

»Kraftwerk Religion«, bis 5. Juni im Hygiene-Museum Dresden, Lingnerplatz 1. Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr. Eintritt 7 Euro, Schüler und Studenten 3 Euro, freitags ab 15 Uhr kostenloser Eintritt.

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