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Schwarzrotgolden zusammengeflickt

Das ARD-Hautstadtstudio versammelt Fotos und Plakate zur deutschen Einheit

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 3 Min.
Einheitsbild?
Einheitsbild?

Aufschlussreich sind die beiden unter einer Klammer vereinigten Ausstellungen zur deutschen Einheit auch, weil sie den Blick Studierender zeigen, die den Tag jener Vereinigung und dessen Vorgeschichte kaum bewusst wahrgenommen haben können. Wie im Spiegel einer jungen, »vereinigten« Generation bricht sich, was damals geschah, an Spuren, Wunden, Narben übrig blieb. Auf die sechs Etagen des ARD-Hauptstadtstudios verteilen sich Exponate der »geschichts-codes«. Zum einen, thematisch gruppiert, Fotos aus jüngster Zeit, etwa von der Tristesse eines geschlossenen Cafés in Sondershausen. »Die Ablösung« hält, leicht pathetisch, den Moment fest, da ein Mann das Honecker-Bild gegen ein Kohl-Konterfei austauscht. So wechseln Farben und Köpfe seit altersher. Daneben lehnt auf einem Leipziger Museumsparkett Honeckers gekipptes Brustbild weiterer Verwendung entgegen. In der ARD-Etage darunter feiert eine Gesellschaft fröhlich auf einer Naturwiese zwischen rissigen Altbauten, ragen Fenster aus rohen Ziegeln in drohenden Wolkenhimmel hinein. Wie die NVA-Friedensfahne, weiße Taube auf blauem Grund, noch anno 2010 im Harz über eine Mauer gen Wasser hängen kann, ist rätselhaft.

Studieren im vereinten Berlin, durch nebeneinander liegende Plastiktüten von FU und Uni-Bibliothek ausgewiesen, halten die digitalen C-Prints ebenso fest wie ein Auto mit deutscher Fahne vor einem Laubenganghaus. Zwar präsentiert auf »Astronaut + Kosmonaut = Wunschkind« das Paar demonstrativ den Sprössling, gewollt und wenig überzeugend lächeln sie in die Kamera. Auf der Straßenbahn, die in schwarz-weißer Fotografie an den Hochhäusern und dem Namen gebenden Denkmal des Thälmann-Parks vorbeifährt, prangt groß eine ND-Werbung; Stromleitungen rastern die Szene. Um die Treppe ins ARD-Parterre hängen die drei Gewinnerfotos. Einen 2. Preis gewannen Sebastian H. Schröders Blick über Aktenberge im Amtsgericht Münster, das nur stellvertretend für ähnliche Sujets weltweit steht, sowie Katharina Waitz’ gleiches Großformat »Wirklich?!«: Die besprayte Mauer, von einer Touristin fotografiert und einem Farbigen im Vordergrund beäugt, überragt ein riesiges Plakat vom sozialen Dienst der evangelischen Kirche. »Lass uns Freunde sein«, fleht es.

Zum 15. Tag der Einheit 2005 hatte unter demselben Namen »geschichts-codes« die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur einen Plakatwettbewerb ausgerufen. Viele Einsendungen wurden seither publiziert und kopiert; die ARD stellt nochmals 22 von ihnen aus. An jene fatalen »blühenden Landschaften« erinnert ein Entwurf mit mondbeschienenem Sternenhimmel über rotem Blumenmeer und gelbem Feld. Die beiden Schnecken, die mit schwarzen, roten, goldenen Ringen übereinander kriechen, kommen der Realität da erheblich näher. »Wir sind ein Volk«, der abgewandelte Schlachtruf der Leipziger Montags-Demonstranten, schmückt auch alle weiteren Entwürfe, ob mit zwei Federn in Flaggenfarben oder, treffend, mit verflochtenen Farbkordeln. Auf anderen Plakaten halten sich die beiden Ampelmännchen an der Hand, steht das DDR-Sandmännchen zwischen Ernie und Bert von der Sesamstraße. Halb Trabi, halb Mercedes ist ein Auto, weil im geeinten Deutschland jeder Ex-Trabi-Fahrer nun die teure Marke fährt.

»W r s nd n V lk« steht für die Brüchigkeit der Aussage genauso wie die »Fruchtvariante«: Halbapfel und Halbbirne sind aneinandergebunden. Besonders gelungen sind zwei Einsendungen. Auf die deutsche Fahne ist dort, wo das DDR-Emblem einst saß, schief und grobstichig ein schwarz-rotgoldener Kreis genäht; und Judith Schalensky hat die Fetzen der beiden Republiken einfach schwarz-rotgolden zusammengeflickt.

Bis 5.11., ARD-Hauptstadtstudio, Wilhelmstr. 67a, Mitte, Anmeldung unter Telefon 22 88 11 00, www.ard-hauptstadtstudio.de

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