Werbung

Brotfabrik

Im Dunkel gefangen

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Im Verborgenen spielt sich alles ab. Die Schauspieler bleiben im Dunkeln in der neuen Koproduktion der Weißenseer Brotfabrik mit der Gruppe Werkstück. Auch nach der Aufführung sind sie den Zuschauern fern. Der Ausgang war unklar. Dann sieht man sie auf den Monitoren und Leinwänden sich verbeugend am Ufer eines Flusses. Sie sind immer noch nicht aus ihren Rollen des Stücks »Flucht« des Chinesen Gao Xingjian heraus, wenn sie ihre Botschaft senden. Wir leben! Das ist überraschend und gut gemacht.

Der heute in Frankreich ansässige Nobelpreisträger für Literatur des Jahres 2000 thematisiert in seinem Stück das gezwungene Innehalten nach einer entsetzlichen Situation. Drei Personen geraten 1989 auf ihrer Flucht vor der Militärgewalt auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking in ein Lagerhaus. Die seelische Erschütterung lässt die ersten beiden, die mit anderen Studenten für die Demokratiebewegung demonstrieren wollten, fast zusammenbrechen. Als Dritter trifft ein Mann mittleren Alters ein, der von sich sagt, er sei nur ein Passant. Das Ergebnis ist für alle gleich. Schutz suchend haben sie sich in dieser Nacht miteinander eingesperrt.

Bei Regisseur Marciniak wird das Lagerhaus zu einem verschlossenen Holzkubus in der Mitte des Theaterraums. Da es in dessen Innern dunkel ist, lässt sich auch durch die schmalen Spalten zwischen den Brettern kaum etwas sehen. Was sich im Innern abspielt, wird von Infrarot-Kameras auf Leinwände und Monitore in den Zuschauerraum gebracht. Künstlerisch umgesetzt ist damit auch die Situation der Überwachung. Die Zuschauer können sich im Theaterraum frei bewegen und so verschiedene Einsichtswinkel der Kameras wahrnehmen.

Im Laufe des Spiels entpuppt sich die Absicht des Autors, den Anspruch des Einzelnen auf sein Leben deutlich zu machen. Die Ereignisse in China im Juni 1989 nahm der Autor zum Anlass, seine Gedanken über Lebensanspruch und die eigene Erschütterung über Gewalt gegen friedlich demonstrierende Menschen zu verarbeiten.

Im »Lagerhaus« kommt es in Enge und Aussichtslosigkeit zu Angstausbrüchen, Beschimpfungen, scheinbar abwegigen Handlungen. Was hier – Angreifer erwartend – geschieht, ist menschlich. Auch der Verzweiflungssex miteinander. Auf dem schmalen Grat, den der Autor hier geht und dem das Inszenierungsteam folgt, wird nichts, was in dem Versteck geschieht, menschenunwürdig. Die Abgrenzung ist klar. Das Menschenunwürdige ereignet sich gerade da draußen.

Die Leistung der Schauspieler, 90 Minuten im Dunkeln zu spielen, ist beachtlich. Mandy-Marie Mahrenholz gibt sich als die junge Schauspielstudentin zunächst vor Entsetzen wie gelähmt. Sie lässt später erkennen, dass diese junge Frau genau weiß, was sie vom Leben will. Soweit ist der junge Mann, den Heiko Akrap spielt, noch lange nicht. Er ist der Student, der erst einmal studiert. Die Demokratiebewegung befürwortet er wie die meisten seiner Studienfreunde. Als der so genannte Passant hält Henna Lindemann Persönliches bis zum Schluss zurück. Er deutet nur an, dass er von einem Freund gewarnt worden sei. Das könnte den anderen sagen, dass er politisch engagierter ist, als sie es sich vorstellen können.

Der Mut, das Stück des in Deutschland kaum gespielten Autors aufzugreifen, ist Anerkennung wert. Noch größere gebührt der kreativen Umsetzung und dem Werkstück-Inszenierungsteam.

28.-30.10., 20 Uhr, Brotfabrik

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!