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Macht Gewaltkonsum aggressiv?

Forscher untersuchen, wie mediale Brutalität auf Jugendliche wirkt

In den letzten zehn Jahren haben jugendliche Amokläufer in Deutschland mehr als 30 Menschen getötet. Bei der Suche nach den Ursachen für solche Taten wird eine Frage immer wieder gestellt: Steigern Gewaltdarstellungen im Fernsehen oder brutale Videospiele die Bereitschaft von Jugendlichen, selbst in ähnlicher Weise zu agieren? Oder dient, wie von Seiten der Videospielindustrie gern behauptet wird, der Konsum von medialer Gewalt beim Betrachter nur dazu, aggressive Spannungen abzubauen?

Diese auch als »Katharsis-Hypothese« bezeichnete Behauptung stößt bei den meisten Wissenschaftlern auf Ablehnung. Zu Recht, wie eine neue Studie belegt, in der unter anderem die Wirkung von Gewaltdarstellungen auf die Aktivität des Gehirns untersucht wurde. Zuvor mussten sich junge Männer im Alter zwischen 14 und 17 Jahren verschiedene Filmszenen anschauen, die in steigendem Maße von Gewalt geprägt waren. Extrem brutale Szenen befanden sich darunter allerdings nicht.

Während des Experiments registrierten die Forscher um Jordan Grafman von den »National Institutes of Health« in Bethesda (USA) zunächst den Hautwiderstand der Probanden als Kennzeichen für deren emotionale Beteiligung. Ergebnis: Der fortgesetzte Gewaltkonsum löste bei den Probanden immer weniger Reaktionen aus und führte, wie die Forscher vermuten, zu einer emotionalen Abstumpfung. Bekräftigt wurde diese Annahme durch eine parallele Messung der Hirnaktivität, bei der die Forscher ihre Aufmerksamkeit vor allem auf den sogenannten orbitofrontalen Cortex richteten. Diese Gehirnregion dient üblicherweise als Bremse für aggressives Verhalten. Bei den meisten Probanden ging mit Zahl und Intensität der konsumierten Gewaltszenen diese Bremswirkung jedoch verloren. Das heißt: Die Aktivität im orbitofrontalen Cortex nahm bei ihnen kontinuierlich ab. Besonders ausgeprägt war der Abfall bei Jugendlichen, die nach eigener Auskunft regelmäßig Gewaltfilme schauen.

»Unsere Studie stützt die Vorstellung«, sagt Grafman. »dass fortwährender Konsum von Gewalt bei Jugendlichen die Hemmschwelle senkt, selbst aggressiv zu handeln, und sie überdies dazu verführt, ein solches Tun als ›normal‹ anzusehen.« Und noch etwas gilt es zu bedenken: Die mit der Bildung und Kontrolle von Emotionen beschäftigten Hirnregionen sind bei Teenagern noch in der Entwicklung begriffen. Grafman dazu: »Verhaltensweisen, die man im Jugendalter erlernt, prägen die Struktur des Gehirns unter Umständen so, dass im späteren Leben eine Korrektur dieses Verhaltens kaum noch möglich ist.«

Man mag nun darüber streiten, ob das auch für die psychische Verarbeitung von medialer Gewalt gilt. Ein Faktum zumindest spricht dafür: Die Zahl der Amokläufer, die vor ihrer Tat »harte« Gewaltvideos konsumieren, nimmt seit Jahren zu.

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