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Im Senatsdienst

»Distel«-Revue »Sechs and the City«

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 4 Min.

Die »Distel« nennt sich »Stachel am Regierungssitz«. Aber dieses Kabarett-Theater in Berlins Friedrichstraße tut mit seinem neuesten Programm alles, um lediglich zum miefmuffigen Wärmekissen auf besagtem Regierungssitz zu werden.

»Sechs and the City«. Zwei Wowereit-Beamte operieren unglücklich mit einem defekten Zeitreise-Aggregat (dem letzten wissenschaftlich-technischen Experiment der DDR, die ja auch versuchte, aus Kartoffeln Südfrüchte zu machen), und fortan stolpert man durch Berlins Geschichte von der Gründung im Sumpf über Napoleon und Führerbunker-Szene bis zu IM »Currywurst« und der »Linken« (die Herrengelenktasche lebt!). Diese Zeitreise-Idee, die wahrscheinlich sogar an jedem Kindertheater als zu kindisch abgelehnt würde – sie bildet die Basis des aufreizend ehrgeizigen Bemühens, den hinlänglich weltberühmten Humor der deutschen Volkshochschule unbedingt zu unterbieten.

Wirklicher Witz, etwa, dass auf einen Abgeordneten Berlins über 900 000 Gartenzwerge kommen und damit die Frage der hauptstädtischen Machtverhältnisse geklärt ist – er gerät unfreiwillig zur tragischen Mitteilung: Die »Distel« nämlich strebt offenkundig nach einer Spitzenfunktion beim Vorantreiben der geistigen Verzwergung. Und das in Zeiten eines Georg Schramm oder Hagen Rether! Der Rest ist Bekenntnis zur Unterhaltung als Fortsetzung von Atze Schröder just auf dessen Niveau.

Revue – das ist hier das Synonym für stupide Wiederholungsschleifen solcher höchst originellen Wahrheiten wie: Wowereit ist schwul und partygierig. Dies einmal sagen, es viermal sagen, es x-mal sagen: Es gibt Publikum, das trotzdem jedes Mal wonniglich seine Schenkel traktiert – PISA hat offenkundig eine lange Vorgeschichte, mit noch längeren Nachwirkungen, die man als Eintrittsgeld vergolden kann. Es wird auf der Bühne für dieses Niveau der verheerenden Tümlichkeit des zuschauenden Volkes gestadelt und geulkt, dass man nach der Aufführung regelrecht unsicher die Zeitungen der letzten Wochen durchhechelt: Wann wurde vermeldet, dass die Propaganda- oder Tourismus-Abteilung des Senats die »Distel« aufkaufte?

Dabei muss man mildernd sagen, dass die Darsteller gegen diesen Selbstmordanschlag des Theaters auf sich selbst eine toll-tapfere Gegenwehr leisten (obwohl sie freilich auch plump-gefügigste Täter dieser Pfostendummheit sind). Claudia Graue ist, zwischen Schmollmund und Reiz-Raffinesse, die mitreißend swingende, geschmeidige, freche, ja: schöne Verjüngungskraft im Ensemble der Langjährigen. Dagmar Jaeger verfolgt weiter und weiter ihr tiefstimmig Mondänes – und überrascht dann plötzlich in der stolzen, eckigen, pantoffligen Zittrigkeit einer Großstadt-Oma, die zum Modevorbild des Zeitgeistes wird. Timo Doleys ist der Sunny Boy, der Sprach-Parodist, der denkverzögerte, großmäulige, plautzende Junge. Stefan Martin Müller, als unmittelbarer Partner von Claudia Graue (die Zwei auf Zeitreise!), gibt den pummlig-denkverzögernden Ossi, also den Berliner mit Migrationshintergrund, und er spielt das mit intelligent dosierter Verdutztheit.

Michael Nitzel, wie so oft: der sympathische Klein-Bürger und -Würger, man spürt die satirische Wirkkraft, die einen anderen Anlass als diesen Abend geistiger Schlaganfälle wert wäre – stark sein BVG-Busfahrer-Monolog über die Hackfressen der Kundschaft und seine Not: Zur Entspannung nach der Schicht helfen nur Folterfilme im Fernsehen; Nitzel: ein kleiner Despot des Stumpfsinns, ein robuster Anpassungspatriot. Und »Distel«-Urgestein Edgar Harter – verquer nölig, geradezu partisanisch vertrottelt – muss das schlechte Gewissen von Autorenschaft und Regie daherkaspern und also immer wieder die Zwischenszenen unterbrechen und (zum Schein) wirkliches, wahres politisches, also kritisches Kabarett fordern. Lächerlich. Wie Opponieren im Bundestag. Nur, dass Harter ellenlang und Gysi winzig ist. Naja, Unterschiede muss es geben zwischen Politik und Kabarett (obwohl sie bei der »Distel« zu verschwimmen scheinen).

Und toll wie meist: die Musiker um Franz-Josef Grümmer, die speziell nach der Pause eine tönende jazzige Lebendigkeit hinwerfen, dass man für glückliche Momente einer Illusion meint, es finde ein Konzert statt und es würde dauern … aber nein, der Schwachsinn Revue geht weiter.

Demokratie ist ein heimtückisches Gummiband. Sie zieht sich hin, bis man den Ausgangspunkt aus dem Blick verloren hat. Die Union darf sich christlich-sozial nennen – und mehr und mehr Leute lachen. Westerwelle darf sich Außenminister nennen – und mehr und mehr Leute lachen. Dies hier nun sich Kabarett nennen – es ist zum Heulen.

Schädelstätten sind schlimm; die »Distel«, werkelt sie denn so weiter wie jetzt, steht im Verdacht, kurz vor der Schunkelstätte zu stehen. Böse Geschichte.

Nächste Vorstellungen: heute,

3. und 25. November

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