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So feministisch wie die Kfz-Meisterinnung

Bundeszentrale für politische Bildung widmet sich den Geschlechterverhältnissen

  • Von Regina Stötzel
  • Lesedauer: 3 Min.
»Das flexible Geschlecht. Gender, Glück und Krisenzeiten in der globalen Ökonomie« lautete der Titel des Kongresses. Eine Erkenntnis: Der Feminismus hat sich, entgegen anders lautender Meinungen, noch nicht erledigt.

Bonbonfarben, in hübscher geschwungener Schrift steht »Gender, Glück und Krisenzeiten« vor rosa-weiß gemustertem Hintergrund auf dem Programm. »All genders welcome!« ist unter dem Einleitungstext zu lesen. Keine Frage, die Bundeszentrale für politische Bildung geht mit der Zeit!

Die stellvertretende Pressesprecherin der Bundesregierung gehört ebenso zu den Referierenden wie Wissenschaftlerinnen, Journalistinnen, Künstlerinnen und Aktivistinnen; nicht wenige von ihnen dürften sich als Feministinnen bezeichnen. Die Bundesweite Gründerinnenagentur ist ebenso vertreten wie der Verein TransInterQueer, nebst mehr als 450 angemeldeten Teilnehmerinnen. Diesen bunten Reigen hat die Bundeszentrale für politische Bildung in Zusammenarbeit mit den Landeszentralen von Hessen und Berlin versammelt, um – sehr grob gesprochen – den aktuellen Zustand der Geschlechterverhältnisse zu diskutieren. Männer sind, wie immer bei solchen Veranstaltungen, nur vereinzelt zu sehen.

Den Teilnehmenden wird die Entscheidung schwer gemacht: Denn Aufstiegsmöglichkeiten von Frauen, prekäres Arbeiten im Minijob, aktuelle Familienmodelle, die Fortpflanzung in der Gegenwart, die vermeintliche sexuelle Revolution – all diese und mehr spannende Themen werden in parallel stattfindenden Foren verhandelt.

Um Medienheldinnen und »Vorzeigefrauen« und wer ihre schmutzige Wäsche wäscht, geht es in einem Forum. Zugrunde liegt die These der Britin Angela McRobbie, die selbst nicht anwesend sein kann, dass die »Top Girls« von heute – so der Titel ihres Buches – einer Illusion erliegen, wenn sie meinen, feministische Forderungen seien bereits erfüllt, nur weil sie selbst »ein Stück vom Kuchen« ergattert haben. In Übereinstimmung mit McRobbie versteht Sonja Eismann das von ihr mit herausgegebene »Missy Magazin« als Beitrag zur Selbstermächtigung von Frauen. In der ach so progressiven Popbranche herrschten nach wie vor Geschlechterverhältnisse, die »ähnlich ausgewogen seien wie die Kfz-Meisterinnung«, sagt Eismann, die Musikerin Christiane Rösinger zitierend.

Die Journalistin und Kolumnistin Mely Kiyak kritisiert, dass kaum reflektiert werde, wer die Debatten um Feminismus oder Postfeminismus produziere und um wen es dabei gehe. So würden Migrantinnen allenfalls im Zusammenhang mit Integration behandelt. In einem Artikel in der »Zeit« nannte sie die Diskussion um den »neuen Feminismus« im Jahr 2008 »eine realitätsferne Veranstaltung weißer, christlicher Mittelschichtsfrauen«.

Ulrike Prokop, Erziehungswissenschaftlerin an der Universität Marburg, stellt fest, dass im Wissenschaftsbetrieb das bereits Erreichte spürbar zurückgedrängt werde. Bei der Besetzung von Stellen und Themen würden »speziell die kritischen Bereiche eingedampft«. Sie berichtet aus ihrer Forschung, wie Jugendliche die Fernsehsendung »Germany's Next Topmodel« wahrnehmen. Jungen ergingen sich, insbesondere wenn sie in der Mehrheit seien, in abfälligen Bemerkungen über die Kandidatinnen, als könnten sie selbst über die Mädchen verfügen. Allein Heidi Klum komme bei ihnen durchweg positiv weg. Das Autoritäre bei Klum werde ebenso wenig gesehen wie die Inszenierung des Aufstiegs eines Mädchens zum Topmodel. »Die glauben, das ist real.«

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