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Binder sucht Buch

Weil der Bayerischen Staatsbibliothek Geld für Aufträge fehlt, ist eine ganze Branche bedroht

  • Von Britta Schultejans, dpa
  • Lesedauer: 3 Min.
Über Kürzungen in Bildungseinrichtungen freut sich niemand. Jetzt aber fühlt sich dadurch eine ganze Handwerkerzunft gefährdet. Weil die Staatsbibliothek in München kein Geld für neue Aufträge hat, schlagen Bayerns Buchbinder Alarm. Viele verlieren ihren wichtigsten Kunden.

Rottenburg/München. Es war so etwas wie eine Allianz: Jahrzehntelang war die Bayerische Staatsbibliothek ein verlässlicher Kunde für die Buchbinder im Freistaat – und für viele der wichtigste. Nun aber ist es aus mit der Verlässlichkeit. Weil die Staatsregierung die Haushaltssperre erhöht hat, fehlt der Bibliothek in München Geld für neue Aufträge – und eine ganze Branche bangt um ihre Zukunft.

»Wenn sich der Standort Bayern verschlechtert, bedeutet das einen tiefen Einschnitt in die jahrhundertealte Tradition dieses Berufes in ganz Deutschland«, sagt der Vize- Vorsitzende des Bundes Deutscher Buchbinder (BDBI), Werner Obermeier.

»Der Markt ist sehr klein«

Im September erfuhr die Bibliothek, dass die Haushaltssperre für dieses Jahr kurzfristig von 20 auf 30 Prozent erhöht wurde. Das bedeutet einen zusätzlichen Etateinbruch von rund 1,4 Millionen Euro – für neue Aufträge für die Buchbinder fehlt darum das Geld. »Wir haben bis jetzt 900 000 Euro ausgegeben für Buchbinderarbeiten – im nächsten Jahr werden wir maximal 300 000 Euro ausgeben können«, sagt der Direktor der Staatsbibliothek, Rolf Griebel, und nennt die Situation »fatal«.

»Viele Betriebe stehen vor der Situation, dass von heute auf morgen keine Arbeit mehr da ist«, klagt Obermeier. Rund 80 Betriebe gibt es nach BDBI-Angaben in Bayern, für 17 davon sei die Staatsbibliothek der Hauptkunde und mache um die 60 Prozent des Umsatzes aus. Einige Betriebe hätten bereits Angestellte entlassen müssen. Sollte die Staatsbibliothek dauerhaft als verlässlicher Kunde wegfallen, müssten sich die betroffenen Buchbinder andere Auftraggeber suchen – und würden damit die Konkurrenzsituation deutlich verschärfen, sagt Obermeier. »Der Markt ist sehr klein. Das wird für die gesamte Branche die absolute Katastrophe.«

Und dabei hat sich die Buchbinder-Branche in Bayern und auch deutschlandweit in den vergangenen 15 Jahren ohnehin alles andere als erfreulich entwickelt. Die Handwerkskammer zählte in Bayern im Mai dieses Jahres 4742 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte in Buchbinderberufen – das sind rund 1600 weniger als noch vor zehn Jahren.

Ähnlich dramatisch sieht die Entwicklung bei der Zahl der Auszubildenden aus. Sie sank von 1995 bis 2009 um 52 Prozent von 117 auf 56. Auch darum sehen die Buchbinder die Kürzungen bei der Staatsbibliothek mit großer Sorge. »Wenn Angestellte nun entlassen werden, weil es nicht mehr genug Arbeit gibt, und sie dann umschulen müssen, dann fehlen Fachkräfte, sollte es irgendwann wieder bergauf gehen«, sagt der Chef der Innung München und Oberbayern, Klaus Neumann. »Dann stirbt dieser Beruf irgendwann aus.«

Das Ministerium laviert

Warum die Gelder für die Staatsbibliothek zusammengestrichen wurden, verstehen Neumann, Obermeier und Griebel nicht – schließlich müsse die Arbeit ja getan werden. Werden Bücher und Zeitschriften nicht mehr eingebunden, können sie auch nicht mehr verliehen werden. »Der Zugang zur Literatur wird eingeschränkt«, warnt Neumann. »Das Problem verschiebt sich nur«, fügt Obermeier hinzu. »Und dadurch entstehen eher noch zusätzliche Kosten, wenn etwa Bücher beschädigt werden, weil sie nicht anständig eingebunden sind.« Griebel spricht von einer »Lawine, die da zurückrollt«. Besonderer Kritikpunkt: Alle Universitätsbibliotheken im Freistaat müssen mit einer Haushaltssperre von 20 Prozent kämpfen – die Staatsbibliothek, die eng mit den Unis zusammenarbeitet und ihnen teure Literatur zur Verfügung stellt, muss Einschnitte von 30 Prozent verkraften. »Dieser Situation steht man relativ fassungslos gegenüber«, sagt Griebel.

Auch das Wissenschaftsministerium kann keinen Grund für diese ungleiche Behandlung nennen. Die Haushaltssperre betreffe nicht nur Kultur und Wissenschaft, sondern alle Ressorts, betont eine Sprecherin. »Sie ist schmerzhaft, sie ist an der Grenze, aber sie ist ertragbar.« Ziel sei es dennoch, trotz der angespannten Finanzlage Einsparungen im Bildungsbereich zu vermeiden und die Kürzungen nicht in den neuen Haushalt 2011/12 zu übernehmen.

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