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Maschinen sterben nicht

»Plug & Pray« von Jens Schanze – ein Film über die Tücken künstlicher Intelligenz

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»iCub«, der Roboter, der recht eigenwillig ist
»iCub«, der Roboter, der recht eigenwillig ist

Am Ende kollidiert der Tod ganz unmittelbar mit der Vision vom ewigen Leben. Während Ray Kurzweil in Boston über die Verheißungen lebensverlängernder Technologien räsoniert, stirbt in Berlin Joseph Weizenbaum, einst Computerpionier, später erbitterter Gegner einer amoralischen Entwicklung künstlicher Intelligenz. Jens Schanzes Dokumentarfilm »Plug & Pray« zeigt Forscher in Japan, Italien, Deutschland und den USA bei ihrer teils fanatischen Arbeit an humanoiden Robotern und autonomen Maschinen. Parallel dazu porträtiert er den greisen Weizenbaum, der sich in seiner Wohnung im Berliner Nikolaiviertel mit Computern umgibt, die ihm nicht mehr gehorchen. Den Zeitpunkt, da die Technik sich gegen ihre Schöpfer zu wenden begann, statt ihnen zu dienen, datiert er auf die mittleren 80er Jahre. Seither rebellierte Weizenbaum gegen die Computerisierung des Menschen.

So sympathisch der Film den alten Weizenbaum zeichnet, so wenig vermag er die Bedrohung zu veranschaulichen, der sich dieser Mann entgegenstellt. Allzu lächerlich wirkt das Silikonimitat, das der Japaner Hiroshi Ishiguro von sich selbst angefertigt hat, in seinen plumpen Bewegungen und seiner mechanischen Sprechweise. Allzu einfältig ist Ishiguros Annahme, dieser Roboter könne seinen Kindern als Ersatzvater dienen, während er selbst sich auf Geschäftsreisen befindet. Allzu hilflos benehmen sich die italienischen Forscher um Professor Giorgio Metta, als ihr Metallbaukasten-Püppchen »iCub« ihnen so gar nicht gehorchen will. Allzu unglaubwürdig ist die Annahme dieser Männer, ihr Spielzeug könne einst selbstständig lernen nach Art eines Kindes.

Weniger täppisch kommen die Projekte des Unternehmers Ray Kurzweil und des Bundeswehr-Professors Hans-Joachim Wünsche herüber. Aber offensichtlich hat man es bei diesen aalglatten Herren nicht mit Visionären zu tun, deren Streben das menschliche Selbstverständnis der Zukunft erschüttern könnte –, auch wenn gerade Kurzweil das vehement behauptet. Stattdessen offenbaren sich hier ganz hiesige, ganz heutige Interessen. Während Kurzweil sich eine von Google gesponserte Privatuniversität und ein kleines Imperium aufgebaut hat, das mit spektakulären Zukunftsstudien ebenso Geld verdient wie mit dem Verkauf von Spracherkennungssoftware und Nahrungsergänzungspillen, geht es an Wünsches Bundeswehr-Institut um die Entwicklung militärischen Geräts, das Kriegsparteien technische Vorteile gegenüber dem Feind verschaffen soll. Nein, versichern Wünsches Nachwuchswissenschaftler: Mit der praktischen Anwendung ihrer Forschungsergebnisse hätten sie keine moralischen Probleme.

Auf andere Weise ernstzunehmen ist die Arbeit in Professor Neil Gershenfelds »Center for Bits and Atoms« an jenem Massachusetts Institute of Technology, an dem einst auch der deutsch-jüdische USA-Immigrant Joseph »Joe« Weizenbaum maßgeblich wirkte. Die Nanotechnologen um Gershenfeld verfolgen nach eigenem Bekunden das Ziel, die Mauern zwischen Biologie und Computik einzureißen. Die Implantation ihrer winzigen Nanoroboter soll in naher Zukunft dem Austausch der »Hardware« des menschlichen Körpers dienen: Eine Medizinpolizei en miniature, die den natürlichen Abwehrkräften überlegen wäre, würde Krankheiten und Alterungsprozesse bekämpfen. Kurzweils Traum von der Unsterblichkeit würde zumindest ein bisschen wirklicher.

Leider vertieft der trotz aller Brisanz recht langweilige Film die dringlichen sozialen und ethischen Fragen kaum, die mit einem solchen Fortschritt einhergehen. Auch Weizenbaum vermag keine andere Antwort darauf zu geben, als dass er als Wirt kleiner Maschinen um seine ureigene Individualität fürchtete. Er, so scheint es, hat seinen Frieden mit einem Leben geschlossen, das erst im Tod seine Vollendung findet. In einer der letzten Szenen des Films, während dessen dreijährigen Dreharbeiten Weizenbaum starb, sieht man ihn in Musik versunken glücklich in seinem Sessel sitzen. Andächtig lauscht er Bachs geistlichem Lied »Komm, süßer Tod«.

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