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Giftgas gegen den Widerstand

Ein Völkermord am Vorabend des Zweiten Weltkrieges

  • Von Vor Gerhard Feldbauer
  • Lesedauer: 3 Min.
Nach einem italienischem Luftangriff
Nach einem italienischem Luftangriff

Es war eine Weisung zum Völkermord, erteilt am 16. November 1935 vom italienischen Diktator Benito Mussolini. Und erfolgt, als der italienische Vormarsch in Abessinien, wie Äthiopien damals hieß, ins Stocken geraten war. Bis April 1936 wurden dort nach wahrscheinlich unvollständigen Angaben 350 Tonnen des chemischen Kampfstoffes Yperit abgeworfen. In einem Bericht von Marschall Pietro Badoglio nach Rom hieß es: »Giftgaseinsatz hat sich als höchst effizient erwiesen.« Da die Einheimischen weder über Schutzmaßnahmen verfügten noch Behandlungsmethoden kannten, kamen viele der insgesamt 275 000 Toten des Feldzuges auf äthiopischer Seite vor allem durch das Yperit ums Leben.

Italien brach mit dem Giftgaseinsatz das 1925 unterzeichnete internationale Abkommen über den Verzicht des Einsatzes chemischer Waffen. Um keine Berichte darüber an die Öffentlichkeit kommen zu lassen, wies der »Duce« am 30. April 1936 an, gefangen genommene Europäer, die in der äthiopischen Armee gekämpft hatten, zu erschießen.

Am 3. Oktober 1935 hatte die über 400 000 Mann starke Armee von den italienischen Kolonialgebieten Eritrea und Somalia aus ohne Kriegserklärung die Grenze überschritten. Kaiser Haile Selassiè verfügte über eine Armee von 550 000 Mann; seine 20 000 Krieger zählende Garde war von europäischen Offizieren ausgebildet. Die Italiener stießen zunächst rasch ins Landesinnere vor. In Adua, wo Italien bei seinen ersten kolonialen Eroberungsfeldzügen 1896 von den vereinigten amharischen Stämmen vernichtend geschlagen worden waren, kam es zu besonders grausamer Vergeltung mit Exekutionen, Vergewaltigungen und Plünderungen.

Als die Äthiopier im Hochland die Offensive trotz der großen Überlegenheit an Flugzeugen, schwerer Artillerie und Panzern sowie massiver Luftangriffe auf Städte und Dörfer nicht nur zum Stehen brachten, sondern sogar zu Gegenangriffen übergingen und auf Eritrea vorstießen, erfolgte der Befehl zum Giftgaseinsatz zur, wie es ausdrücklich in der Weisung des »Duce« hieß, »Überwindung des Widerstandes«.

Mit Abessinien wollte Mussolini sein ostafrikanisches Kolonialreich vollenden, um dann »die Kolonialkarte Afrikas zu ändern und damit die Frage der Neuaufteilung der Welt praktisch zu stellen«. Die von Großbritannien und Frankreich betriebene Politik des »Appeasement« (Beschwichtigung) täuschte die Öffentlichkeit über die Aggressionsabsichten Mussolinis hinweg und ermunterte diesen regelrecht fortzufahren.

Dahingegen riefen die italienischen Kommunisten und Sozialisten, die 1934 ein Aktionseinheitsabkommen geschlossen hatten, nach Brüssel zu einem »Kongress der Italiener im Ausland«, der am 13. Oktober 1935 die sofortige Einstellung der Aggression forderte. Der Kongress vertrat die Mehrheit der etwa 850 000 in Frankreich im Exil lebenden Italiener. Und auf dem VII. Weltkongress der Komintern 1935 in Moskau betonte Palmiro Togliatti den gemeinsamen Kampf »der Proletarier und unterdrückten Völker« und versicherte »das abessinische Volk unserer Sympathien«. Das blieben keine Lippenbekenntnisse. 38 italienischen Kommunisten gelang es, nach Äthiopien durchzukommen, wo sie in der Armee Selassiès gegen die Truppen Mussolinis kämpften. Unter ihnen befand sich der spätere Kommandeur der internationalen Garibaldi-Brigade in Spanien, Ilio Barontini, der nach dem Sturz Mussolinis 1943 zu den Organisatoren des bewaffneten Widerstandes gegen Hitlerdeutschland gehörte.

Auf dem Weg zum Münchener Abkommen und in den Abgrund des Zweiten Weltkrieges stellte der Krieg in Afrika einen Markstein dar. Hitler war die Haltung Frankreichs und Großbritanniens Beweis, dass diese nicht gewillt waren, den Status quo zu verteidigen. London und Paris blieben auch bei der deutschen und italienischen Einmischung in den spanischen Bürgerkrieg passiv.

Von unserem Autor erschien 2006 im Pahl-Rugenstein Verlag »Mussolinis Überfall auf Äthiopien«.

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