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Mörderischer Trugschluss – Stalins Irrtum

Warum der sowjetische Regierungschef Molotow im November 1940 Deutschland besuchte

  • Von Karl-Heinz Gräfe
  • Lesedauer: 5 Min.

»Die Kraftfelder Deutschlands, Italiens und Sowjetrusslands sind aufeinander abgestimmt«, war in der Nazi-Zeitung »Das Reich« am 17. November 1940 zu lesen. Wie kam die Goebbels-Presse zu dieser Behauptung? Es war ein Kommentar zum Besuch des sowjetischen Ministerpräsidenten Wjatscheslaw Molotow in der deutschen Hauptstadt.

Über die Ankunft Molotows am 12. November 1940 schrieb der Leiter der Berliner TASS-Filiale: »Fünf Minuten vor Einfahrt des Zuges in den (Anhalter) Bahnhof erschien Ribbentrop, begleitet von Generalfeldmarschall Keitel. Einige Minuten später erzitterte der Bahnhof vom Trommelwirbel, der Zug lief ein. Unsere Delegation wurde von Ribbentrop begrüßt.« Zu Ehren der 65 Abgesandten Moskaus, unter ihnen der Volkskommissar für Schwarzmetallurgie und fünf stellvertretende Minister, erklang die »Internationale«.

Molotow verhandelte je zwei Mal mit Hitler und mit Außenminister Joachim von Ribbentrop und kam mit Reichsmarschall Göring zusammen. Beim »Stellvertreter des Führers« Rudolf Hess fand ein Erfahrungsaustausch über die ideologische und organisatorische Arbeit der NSDAP und der KPdSU statt.

Gelungenes Täuschungsmanöver

Warum war es nach dem Abschluss des deutsch-sowjetischen Freundschaftsvertrages vom 28. September 1939 zu einem weiteren Gipfeltreffen gekommen? Das direkt an Josef Stalin ergangene Einladungsschreiben Ribbentrops vom 13. Oktober 1940 vermerkt dazu: »Vor über einem Jahr wurde durch Ihren und des Führers Willen das Verhältnis Deutschlands zu Sowjetrussland ... auf eine völlig neue Basis gestellt.« Die damals vereinbarte Abgrenzung der Einflusssphären in Osteuropa habe sich für beide Staaten »nutzbringend erwiesen« und solle nun fortgesetzt werden, »um die Ausdehnung des Krieges über Europa hinaus zu einem Weltbrand zu verhindern«. Es sei die historische Aufgabe »der Sowjetunion, Italiens, Japans und Deutschlands, ihre Politik auf längste (!) Sicht zu ordnen und durch Abgrenzung ihrer Interessen die zukünftige Entwicklung ihrer Völker in die richtigen Bahnen zu lenken«.

Als diese Einladung erging, hatte Hitler längst beschlossen, nach Abschluss des Westfeldzuges im Frühjahr 1941 die Sowjetunion anzugreifen. Am 5. August 1940 lag bereits eine Variante des Kriegsplanes vor (»Fritz«). Und als Molotow in Berlin eintraf, wies Hitler an: »Gleichgültig, welches Ergebnis diese Besprechungen haben werden, sind alle schon befohlenen Vorbereitungen für den Osten fortzuführen.« Dem neuen Kriegsziel diente auch die Gründung des Dreimächtepaktes Berlin-Rom-Tokio am 27. September.

Das deutsch-sowjetische Gipfeltreffen im November 1940 sollte ein mögliches britisch-sowjetisches Bündnis torpedieren. Stalin durchschaute Hitler nicht. Und so begünstigte er – ebenso wie die anglo-französischen Beschwichtigungspolitiker Jahre zuvor die Okkupationen Österreichs, der Tschechoslowakei und des Memel-Gebiets – nun die Unterwerfung Polens, Norwegens, Dänemarks, Hollands Belgiens, Luxemburgs und Frankreichs. Molotow gab am 31. Juli 1940 auf der Tagung des Obersten Sowjets offen zu, das deutsch-sowjetische Abkommen 1939 wäre »nicht ohne Einfluss auf die großen deutschen Siege gewesen«. Doch schien auch er nicht zu begreifen, dass durch diese Kumpanei Nazideutschland zur Hegemonialmacht in Europa aufgestiegen und somit auch ernsthaft sein Land bedroht war. Die damals stärkste Militärmacht des Kontinents konzentrierte bereits ihre schlagkräftigsten Divisionen an der sowjetischen Grenze von Finnland bis Rumänien.

Und so geschah das noch heute Unbegreifliche: Regierungschef Molotow fuhr zu einem Gipfeltreffen, auf dessen Tagesordnung der Beitritt der UdSSR zur Koalition der faschistischen Welteroberer stand. Mit ihrer Unterschrift unter das bereits vorbereitete »Abkommen zwischen der UdSSR und dem Dreimächtepakt« sollte sich der Sowjetstaat mit den Zielen der faschistischen Aggressoren »solidarisch« erklären. Das geheime Zusatzprotokoll Nr. 1 bestimmte die »territorialen Aspirationen« für Deutschland (Europa und Mittelafrika), Italien (Nord- und Ostafrika), Japan (ostasiatischer Raum südlich des japanischen Inselreiches) und der UdSSR (südlich ihres Staatsgebietes in Richtung des Indischen Ozeans).

Stalin nahm an, er könne sein Land aus dem Weltkrieg heraushalten, indem er sich mit den drei Aggressoren weiter arrangiert. 1939 hatte Moskau Ostpolen an die Unionsrepubliken Ukraine und Belorussland angeschlossen, im August 1940 folgte die Eingliederung von Estland, Lettland, Litauen und der ostrumänischen Gebiete Bessarabien-Nordbukowina (Moldawien) in die UdSSR. Einzig die Unterwerfung Finnlands stieß auf militärische Gegenwehr und brachte im März 1940 nur die Angliederung der karelischen Landenge. Als Molotow in Berlin die »finnische Frage« ansprach, beschwichtigte Hitler: Finnland gehöre nach wie vor zum sowjetischen Interessengebiet, aber während des Krieges gegen England könne er keinesfalls auf die dortige Nickelproduktion und die Transportwege verzichten. Molotow beklagte weiter, Deutschland habe ohne Rücksprache Rumänien zu seiner Einflusszone gemacht und damit sowjetische Interessen verletzt. Darauf entgegnete Hitler, die Rumänen selbst hätten um Schutz vor einem britischen Überfall gebeten. Die bulgarische Frage werde er mit Mussolini klären, wegen der sowjetischen Durchfahrtsrechte in das Schwarze Meer wolle er sich mit Stalin persönlich verständigen. Die große Frage, um die es gegenwärtig gehe, sei doch vielmehr die gemeinsame Aufteilung des Britischen Empire, da er den Krieg gegen England in Kürze siegreich beenden werde.

Unbeantwortete Nachfragen

Nach seiner Rückkehr aus Berlin gestand Molotow seinem Chef Stalin, dass die Gespräche »keine grundlegenden Resultate« brachten. Stalin aber begriff noch immer nicht, dass Kolaboration mit faschistischen Aggressoren weder den Frieden noch den Sozialismus in der Sowjetunion sichert. Nazideutschland erhielt am 26. November 1940 die sowjetische Zusage, das Abkommen mit dem Dreimächtepakt anzunehmen – wenn die Wehrmacht sich aus Finnland zurückzieht, die Rote Armee Stützpunkte am Bosporus und an den Dardanellen erhält, der Raum südlich von Batumi und Baku sowjetische Einflusszone wird und Japan auf seine Öl- und Kohle-Konzessionsrechte in Nordsachalin verzichtet.

Dass mehrfache Nachfragen nach dem Angebot zum Beitritt zur faschistischen Koalition unbeantwortet blieben, war für Stalin kein Anlass zum außenpolitischen Strategiewechsel. Fazit: Die Politik der Beschwichtigung und Kumpanei war dem antifaschistischen Kampf abträglich, beförderte Illusionen über das Faschisten-Regime, dessen Menschenfeindlichkeit schon Millionen zu dieser Zeit am eigenen Leib erfahren hatten. Der Schock der Sowjetbürger am 22. Juni 1941 belegt das Ausmaß der kardinalen Fehlentscheidung der sowjetischen Führung unter Stalin vor nunmehr 70 Jahren.

Jüngste Buchveröffentlichung von Prof. Gräfe: »Vom Donnerkreuz zum Hakenkreuz. Die baltischen Staaten zwischen Diktatur und Okkupation« (Edition Organon, 511 S., 25 €).

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