Der Geschichtenerfinder

Deutsches Theater Berlin: Gregor Gysi trifft Wolfgang Kohlhaase

  • Von Gunnar Decker
  • Lesedauer: ca. 5.0 Min.

Mitten auf der Bühne steht ein Aquarium als eine Art postmoderner Couchtischersatz, eine gläserne Brücke zwischen Gastgeber und Gast. Die Fische darin schweigen. Von diesen bunten Zeitgenossen hätte das auch niemand anders erwartet. Aber auch Gregor Gysi, der in seiner Gesprächsreihe »Gysi trifft Zeitgenossen« diesmal den Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase interviewt, scheint an diesem Sonntagmorgen eher den Fischen als seinem pointiert und lustvoll erzählenden Gegenüber verwandt. Ein stiller Stichwortgeber, der die Rolle des charmanten Unterhalters diesmal sehr defensiv auffasst. Dagegen ist wenig zu sagen, denn Kohlhaase ist jemand, dem man nur die Bühne zu bereiten braucht und dann geht er von ganz allein los wie ein alter Zirkusgaul.

Es ist Berliner Geschichte, die in der Biografie des 1931 in dieser Stadt als Sohn eines Maschinenschlossers geborenen Drehbuchautors immer wieder aufscheint. Und in dieser Berliner Geschichte spiegelt sich Weltgeschichte. Nationalsozialistischer Welteroberungsideologie, katastrophisch endend, folgte ein befreiender utopischer Aufbruch in ein »anderes Deutschland« – und erwies sich im Schatten des Kalten Krieges schnell als Illusion. Aber welch ein Stoff für die Kunst! Kohlhaase wurde zu dem Drehbuchautor, der die Atmosphäre des geteilten Nachkriegsberlin wie kein Zweiter in Szene zu setzen vermochte – mit Filmen wie »Eine Berliner Romanze« (1955), »Berlin – Ecke Schönhauser« (1957) oder »Berlin um die Ecke« (1965) sämtlich zusammen mit dem Regisseur Gerhard Klein, von dem wir, wie Gysi sagt, viel zu wenig wissen. »Berlin um die Ecke« musste bis 1987 auf seine Fertigstellung und Premiere warten, weil er zu den Werken ...


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