Immer neue Hiobsbotschaften aus Haiti

Zahl der Choleratoten wächst unaufhörlich / Gute Ratschläge eines hilflosen Präsidenten

  • Von Hans-Ulrich Dillmann, Santo Domingo
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Hiobsbotschaften aus Haiti reißen nicht ab. 650 Tote Mitte der vergangenen Woche, über 700 am Freitag, die Marke 800 wurde am Sonnabend überschritten. Und am Sonntag meldete Radio Metropole unter Berufung auf die Gesundheitsbehörden des Landes 917 Todesfälle. Tendenz steigend. Wenn diese Meldung gedruckt sein wird, dürfte die Zahl der Choleratoten über 1000 liegen.
Gesundheitsexperten der Organisation »Ärzte ohne Grenzen« bezeichnen die offiziellen Angaben von fast 14 700 Cholerakranken als untertrieben. Die Informationskampagne, die das Gesundheitsministerium unter dem Motto »Kombit kont kolera« (Kampf gegen die Cholera) am Sonntag initiiert hat, kommt zu spät. Der Versuch der Gesundheits- und Hilfsorganisationen, die Epidemie von der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince mit seinen mehr als 1000 Obdachlosenlagern fernzuhalten, ist längst gescheitert.

Der Sprecher der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Christian Lindmeier, nennt erstmals »27 Tote und 607 Hospitalisierte« in Port-au-Prince. Das heißt, die Epidemie, die bisher im Norden in der Region der Artibonite-Ebene wütete, hat längst auf die schwer zerstörte Hauptstadt des Landes übergegriffen. Für Stefano Zanini, Leiter von »Ärzte ohne Grenzen« in Haiti, ist die Situation im Moment beunruhigend. Die Infektionsgeschwindigkeit habe sich erhöht, sagte er am Sonntag. »Alle Krankenhäuser in Port-au-Prince sind mit Patienten überfüllt. Wir haben siebenmal mehr Fälle als vor drei Tagen.« Am Sonnabend habe seine Organisation 216 Neufälle registriert. Die Erkrankten kämen aus allen Stadtteilen – aus den Armenvierteln, aber auch aus wohlhabenderen Gebieten.

Sorgen bereitet Zanini vor allen Slums wie Cité Soleil. Die »Sonnenstadt« im Norden der Metropole mit rund 400 000 Einwohnern und unbeschreiblichen hygienischen Zuständen könnte sich zu einem Zentrum der Choleraerkrankungen entwickeln. Es fehlt vor allem an sauberem Trinkwasser. Die Fäkalien fließen auf den Straßen und Gässchen, weil viele der Hütten keine Toiletten haben. Auch in den Lagern, die seit dem Erdbeben am 12. Januar entstanden, sind die hygienischen Bedingungen so prekär, dass die Infektionsgefahr groß ist.

»Ich habe das Gefühl, dass die Menschen sich viel schneller als vorher infizieren«, sagt Cassagnol Destiné, Mitarbeiter des Kinderhilfswerks »Unsere kleinen Brüder und Schwestern«. Immer mehr Kinder befänden sich unter den Toten. Mangel- und Unterernährung habe deren Immunsystem so geschwächt, dass sie der Cholera nichts mehr entgegenzusetzen hätten. Verschärft hat sich die Situation nach Ansicht Destinés durch Hurrikan Tomas. Der Sturm habe dazu beigetragen, dass Flüsse über die Ufer getreten und Notunterkünfte und Slums überschwemmt sind. Vor allem die sanitären Zustände an diesen Orten erhöhten das Risiko einer schnellen Ausbreitung der Cholera.

Am Wochenende hat sich auch Staatspräsident René Préval während einer Konferenz über die Choleraepidemie an die Bevölkerung gewandt. Der Staatschef, der seit dem Erdbeben mehr durch Wortkargheit als durch aktives Krisenmanagement auffällt, riet jedem, sich die Hände zu waschen und nur sauberes Trinkwasser zu verbrauchen. Schon beim Sturm Tomas hatte sich Préval durch gute Ratschläge an »seine Mitbürger« hervorgetan: Er riet ihnen, sich vor den furiosen Winden in Sicherheit zu bringen, erklärte aber gleichzeitig, die Regierung könne ihnen leider nicht dabei helfen.

Die Empfehlungen des Präsidenten grenzen an Zynismus, wenn man berücksichtigt, dass sich der Preis eines 16-Liter-Trinkwasserkanisters in den vergangenen Wochen auf 200 Gourdes (rund 4 Euro) fast vervierfacht hat. Etwa 80 Prozent der Bevölkerung Haitis leben am Rande oder unterhalb der Armutsgrenze. 60 Prozent müssen sogar mit weniger als 70 Eurocent täglich ihren Lebensunterhalt bestreiten.

Die Ursache der Choleraerkrankung ist noch immer nicht ermittelt. Das US-amerikanische Zentrum für Seuchenkontrolle (CDC) hat zwar Erregerstämme, die mit südasiatischen Erregern identisch sind, als Verursacher ausgemacht. Wie die aber nach Haiti kommen konnten, darüber wird nach wie vor heftig gestritten. Während haitianische Medien cholerainfizierte Blauhelmsoldaten aus Nepal als mögliche Krankheitsüberträger nennen, weist die UN-Stabilisierungstruppe MINUSTAH, zu der auch nepalische Soldaten gehören, jede Verantwortung für die Auslösung der Cholera zurück.

Fotostrecke Cholera-Epidemie in Haiti

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung