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Eine ozeanische Geschichte

Denis Thériault »Das Lächeln des Leguans«

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Der rätselhafte Titel »Das Lächeln des Leguans« hätte Warnung genug sein müssen: Achtung, hier kommt ein Buch, dessen Sog man sich nicht entziehen kann. Auch das Cover-Foto – ein Junge, umgeben von einem leuchtenden Strahlenkranz, bis zu den Knien im Wasser, das seegrün und smaragdfarben schimmert, wie der Schuppenpanzer eines Reptils – hätte man als freundlichen Hinweis auf die suggestive Kraft der Geschichte, die einen erwartet, verstehen können. Hätte. Hat man aber nicht. Und so tappt man in diesen Roman hinein, ist erst erstaunt, bald bestürzt und schließlich berauscht von dem, was hier geschrieben steht.

Denis Thériault schreibt mit leichter Hand, mit präziser Fantasie und tropfenweise injiziertem Witz, direkt, fordernd und gewissermaßen von Herz zu Herz. Es ist die Geschichte zweier Schuljungen, die am Strand des St.-Lawrence-Golfes, hoch oben im Norden Kanadas, Freundschaft schließen. Der eine, Luc, ist ein kauziges Kerlchen mit brennenden Augen und der erhabenen Ruhe einer grüblerischen Eidechse. Vor Jahren schon ist die Mutter verschwunden, der Junge haust mit seinem Vater in einem Bauwagen am Rande des Dorfs. In Wirklichkeit aber bewohnt Luc seine eigene Seifenblase, ein traumhaftes Zwischenreich, bevölkert von bizarren aquatischen Wesen, die ihn bei Wind und Wetter ans Wasser locken. Doch auch wenn man ahnt, dass dieses maritime Parallel-Universum mit seinen Krakenarmen Luc gefährlich nahe kommt, stammt das eigentliche Ungeheuer dieser Geschichte nicht aus dem Meer, sondern aus der Mitte unserer Gesellschaft: Lucs trink- und wutsüchtiger Vater, ein Mensch gewordener Leviathan sozusagen. Der »Seedrache« dagegen, der ausgestopfte Leguan mit den funkelnden Glasaugen aus dem heimischen Antiquitätengeschäft, für dessen Erwerb Luc Rasen gemäht und Laub gekehrt hat, wird zum magischen Gott seines kleinen Reichs. Mit Muschelketten geschmückt, wacht die präparierte Echse über das heimliche Refugium des Jungen, eine Felshöhle am Strand einer versteckten Bucht.

Der einzige, dem hier Zutritt gewährt wird, ist der andere Junge, der Ich-Erzähler, durch dessen Kinderaugen wir der wachsenden Kameradschaft folgen. Auch dieser Junge ist versehrt, albtraumgeplagt: Der Vater tot, die Mutter im Koma. Der Autor beleuchtet seine Seelenlage mit wunderbar offenen Sätzen. Überhaupt soll das Geheimnisvoll-Mystische seiner Geschichte nichts verdecken oder vertuschen. »Das Lächeln des Leguans« ist ein aufdeckendes Buch. Eine poetische Erkundung des Unbewussten, der Versuch, unserem Wirklichkeitsbegriff erzählerisch auf die Schliche zu kommen. Was ist Wirklichkeit? Finden wir sie draußen, oder in uns selbst? Besteht Wirklichkeit aus Gegenwärtigem? Oder auch aus Träumen, Erinnerungen, Fantasien? Thériaults Spurensuche führt seine Protagonisten tief hinein ins Labyrinth des Lebens. Hier nicht verloren zu gehen, lautet die unausgesprochene Mission. Mit abenteuerlicher Energie wird nach Lucs verschollener Mutter gefahndet, mit viel Zuwendung die komatöse Mutter des Ich-Erzählers gesundgepflegt. Erst als die Wogen des Dramas sich überschlagen, gleitet Luc ganz in sein Inneres und seine erträumte Vergangenheit zurück. Wie muss die Seele eines Kindes schmerzen, wenn es im Schoß des Ozeans nach Geborgenheit sucht?

Denis Thériault: Das Lächeln des Leguans. Aus dem Französischen von Saskia Bontjes van Beek. dtv premium. 240 S., brosch., 12,90 €

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