Verkehrsgewerkschaft gegründet

Transnet und GDBA fusionieren zur Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG

  • Von Hans-Gerd Öfinger, Fulda
  • Lesedauer: 4 Min.
Der Weg war steinig und oft von Streit geprägt, doch nun ist die Fusion von Transnet und GDBA vollzogen: Gestern endete in Fulda der erste Gewerkschaftstag der neuen Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG.
Aus zwei mach eins. Am 1. Dezember fusionierten die DGB-Eisenbahnergewerkschaft TRANSNET und die Verkehrsgewerkschaft GDBA. Die neue Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft mit ihren rund 240 000 Mitgliedern ist Mitglied im DGB.
Aus zwei mach eins. Am 1. Dezember fusionierten die DGB-Eisenbahnergewerkschaft TRANSNET und die Verkehrsgewerkschaft GDBA. Die neue Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft mit ihren rund 240 000 Mitgliedern ist Mitglied im DGB.

Es mag am Winterwetter, den drohenden juristischen Fußangeln im Übergangsprozess oder einfach der Fülle von Problemen gelegen haben, die auf die neue neue Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG zukommen. Jedenfalls waren weite Teile der zweitägigen Gründungsveranstaltung in Fulda nicht von Euphorie, sondern von nüchterner Sachlichkeit geprägt.

Dabei schrieben die rund 800 Delegierten aus beiden Quellorganisationen, die mit großer Mehrheit den Weg für den Zusammenschluss freigaben, in Fulda ein neues Kapitel Gewerkschaftsgeschichte. Erstmals nach 1945 hat mit der GDBA ein Mitgliedsverband des deutschen beamtenbundes und tarifunion (dbb) seine Mitglieder und sein Vermögen in eine neue DGB-Gewerkschaft eingebracht.

Der Weg aus dem dbb in den DGB war für die GDBA steinig. Weil sie Nachahmungseffekte verhindern wollte, griff die Berliner dbb-Zentrale vor einem Jahr zu gezielten Stör- und Sabotageversuchen, um die GDBA zu atomisieren, kappte deren Zugang zu Website und Mitgliederdaten und forderte die Mitglieder per Brief zum Austritt auf. Letztlich verlor die GDBA nur 2000 Mitglieder. 30 000 gehören jetzt zur EVG.

Die erste Stunde beim ersten Gewerkschaftstag der EVG am Mittwoch war die Stunde des Heinz Fuhrmann. Wie kein anderer wirkte der 63-jährige Lokführer als Motor der Vereinigung. Der gebürtige Bremer war von den 80er Jahren bis nach der Jahrtausendwende hauptamtlicher Sekretär und langjähriger Vizechef der Lokführergewerkschaft GDL. 2002 kam es zum Zerwürfnis. Fuhrmann hatte Glück, musste nicht wieder auf die Lok, sondern kam bei der GDBA unter, wurde deren Vizechef. Er baute zusammen mit Alexander Kirchner, dem neuen EVG-Chef, die Tarifgemeinschaft auf, in der beide Organisationen seit 2005 an einem Strang zogen. EVG-Vize wird der letzte GDBA-Vorsitzende Klaus Dieter Hommel.

Fuhrmann beschrieb seine Entfremdung von der GDL seit den 90er Jahren. Deren »Abgrenzungsphilosophie« habe so weit geführt, dass man bei Seminaren die DGB-Konkurrenz als »Gegner« und »Ratte« dargestellt habe. Die GDL habe mehrfach »schwachsinnige Forderungen« aufgestellt, nur um ihr Profil zu stärken. In »konspirativen« Treffs mit Transnet-Vertretern habe er sich für ein einheitliches Vorgehen eingesetzt. Mit der jetzt vollzogenen Vereinigung werde ein »Aufbruch zu neuen Ufern« möglich. Für Fuhrmann und die anderen EVG-Vorstandsmitglieder bleibt die Hand an die GDL ausgestreckt.

Einer, der den Vereinigungsprozess im und mit dem DGB beinahe aufs Spiel gesetzt hätte, saß in seiner Eigenschaft als ehemaliger Transnet-Chef in Fulda stumm in der zweiten Reihe: Norbert Hansen, der im Mai 2008 überraschend zum Personalvorstand der Deutschen Bahn ernannt wurde und mit diesem Seitenwechsel kurzfristig eine tiefe Krise in der Gewerkschaft auslöste. »Verräter« riefen ihm einzelne Delegierte im Saal zu, als sie ihn erkannten. Hansen arbeitet heute als Unternehmensberater in Berlin.

2004 hatte Hansen auf Gewerkschaftskonferenzen heftige Angriffe gegen die DGB-Schwestergewerkschaft ver.di geäußert und sogar die Möglichkeit einer Loslösung vom DGB angedeutet. Am 1. Mai 2006 führte er in Fulda mit Vertretern von GDBA, Flugbegleiterverband UFO und Ablegern des Christlichen Gewerkschaftsbundes geheime Gespräche über eine mögliche Fusion zu einer neuen Verkehrsgewerkschaft außerhalb des DGB. Ein Jahr später holte sich Hansen im selben Fuldaer Hotel von einem außerordentlichen Gewerkschaftstag Rückendeckung für seinen Kurs Richtung Bahnprivatisierung. Star der Konferenz war der damalige Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD), der den Delegierten versprach, bei einem Börsengang der Bahn werde »nichts verscherbelt«. Doch all das war im winterlichen Fulda »Schnee von gestern«, auch wenn sich die neue Gewerkschaft vielleicht schon bald wieder mit dem Problem eines drohenden Börsengangs befassen muss. Wenn das wieder auf der Tagesordnung stehe, würden auch konsequente Privatisierungsgegner zu Wort kommen, sicherte der neue Vorsitzende Alexander Kirchner dem Delegierten Alfred Lange zu, der auch hier aus seinem strikten Nein zum Börsengang keinen Hehl machte.

Zur Aufnahme der EVG in den DGB war die Zustimmung aller DGB-Gewerkschaften nötig. So saß auch ver.di mit am Tisch, die Fachbereiche für Verkehr und Logistik hat und vor zehn Jahren am liebsten Transnet aufgesogen hätte. Nach teilweise heftigen Abgrenzungskämpfen etwa um die Fahrer der DB-Regionalbusse und nach Hansens Abtritt will man jetzt gesittet und kollegial miteinander umgehen. Dafür sprach in Fulda auch die entspannte Miene von ver.di-Chef Frank Bsirske, der in der ersten Reihe saß. Dies wäre in der »Ära Hansen« unvorstellbar gewesen.

»Ver.di wird uns nicht schlucken, und wir werden auch nicht den ver.di-Fachbereich Verkehr schlucken«, prophezeite Alexander Kirchner für die nächsten Jahre. Wichtiger als ein Abwerben von Mitgliedern sei es, dass die Mitglieder in der »Familie« des DGB blieben. Dies freute auch Michael Sommer, der in Fulda für das Prinzip der deutschen Einheitsgewerkschaften eine Lanze brach. Nach 30 Jahren Neoliberalismus seien zwar »einige Vordeiche gebrochen und einige Polder geflutet«. Doch die Einheitsgewerkschaften seien nie vor dem Neoliberalismus in die Knie gegangen, erklärte Sommer.

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