Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Expedition in die Archive

Die Schriftstellerin Sigrid Damm wird 70 Jahre alt

Sie war, angestellt im Kulturministerium der DDR, frustriert von Denkmustern, auf dem Sprung in die Unabhängigkeit. »Lösung vom Hergebrachten«. Das hieß: einen Weg gehen, der mit allem, was vorher war, radikal bricht.
Sie war, angestellt im Kulturministerium der DDR, frustriert von Denkmustern, auf dem Sprung in die Unabhängigkeit. »Lösung vom Hergebrachten«. Das hieß: einen Weg gehen, der mit allem, was vorher war, radikal bricht.

Nein, nicht Goethe. Goethe, fand sie, stand auf hohem Podest, befreit von Widersprüchen und unendlich fern. Sie lehnte den Vorschlag des Leipziger Reclam-Verlages, eine Ausgabe seiner Werke zu edieren, rundheraus ab. Auch Hofmannsthal schied aus. Lenz, sagte sie (und sagte es »aus Daffke»), ja den würde sie gern machen. Doch den unglücklichen Lenz, der in Moskau jung und elend zugrunde ging, wollte man nicht haben. Zu unbekannt und die Verkaufsaussichten eher trübe. Im Insel-Verlag zeigte man mehr Interesse, falls sie sich bereitfinden könnte, die Werke und Briefe herauszugeben. Eine faszinierende Aufgabe. Sie war, lange angestellt im Kulturministerium der DDR und frustriert von Zwängen und Denkmustern, auf dem Sprung in die Unabhängigkeit. Sie sagte zu, vertiefte sich in die Schriften des Dichters, stieß auf Sätze, die die eigenen Empfindungen trafen, begann mit der Arbeit an der umfassenden dreibändigen Ausgabe (der ersten nach sehr langer Zeit) und schrieb ihr Buch »Vögel, die verkünden Land. Das Leben des Jakob Michael Reinhold Lenz«.

In Interviews und ihrer Rede, mit der sie sich 1987 für den Lion-Feuchtwanger-Preis bedankte und die man jetzt im blauen Insel-Band »Einmal nur blick ich zurück« nachlesen kann, hat Sigrid Damm die entscheidenden Augenblicke in ihrer Biografie beschrieben. Wie sie, die promovierte Germanistin, sich im Herbst 1978 der drohenden Verkümmerung entzog, das Amt verließ und begann, als freie Autorin zu arbeiten. Wie sie auf abenteuerlichen Wegen in die abgesperrten Bezirke, die verriegelten Archive der Sowjetunion vordrang, die Nähe zum wilden, zerrissenen Lenz, ihrer »geheimen Lernfigur«, entdeckte und dabei auch ihr Schreibprogramm fand: »Lösung vom Hergebrachten«. Das hieß: Etwas Neues probieren, einen Weg gehen, der mit allem, was vorher war, bricht. Gemeint war die Abkehr von der germanistischen Zunft ebenso wie die Suche nach der eigenen Sprache.

Zu Goethe hat Sigrid Damm (nach ihrem Buch über seine Schwester Cornelia) dann doch noch gefunden. Gezögert hat sie allerdings wieder. Nur ein Nachwort sollte es diesmal sein, zwanzig Seiten über Goethe und seine Frau, eine Arbeit von überschaubarer Länge, gedacht als Begleittext für eine Briefauswahl, gewiss keine Kleinigkeit, aber auch keine Zumutung. Sie lehnte trotzdem erst einmal ab. Das Thema erschien ihr noch immer ohne Reiz. Alle Vorstellungen von dieser Christiane gefärbt von den hochmütigen, nie bezweifelten Urteilen, die man von Generation zu Generation weitergesagt hat. Doch dann las sie die Briefe und fing Feuer. Und zog schließlich los zu den Quellen, vertiefte sich in alte Papiere, forschte in Archiven nach den vergessenen, verwischten, unbeachteten Spuren, die sich von der Vulpius-Familie erhalten haben. Nach Urkunden, Einträgen, Gesuchen, Briefen. Das erwartete Nachwort hat sie freilich erst später verfasst. Zunächst schrieb sie die »Recherche«, 540 Seiten über Christiane und Goethe. Sie schilderte nur, was die Zeugnisse hergaben, und wo die nicht weiterhalfen, ließ sie die offenen Fragen als Fragen stehen. Ihre Spurensuche, so exakt wie ein guter Tatsachenbericht und so spannend wie ein glänzend erzählter Roman, wurde zum aufregenden Gegenstand des Schreibens. Goethe, nun gar nicht mehr so unnahbar, erhielt seinen Alltag zurück, seine Mühen und Sorgen, seine Konflikte, seine Liebe. Und jetzt sah man, in dieser Klarheit und Anschaulichkeit ohne Beispiel, auch Christiane, sein »Verhältnis«, die von Weimars Gesellschaft geschnittene Frau.

Der Erfolg kam mit diesem Buch und einem Erzählen, das keine Erfindungen duldet, das sich Sätze, wie sie in einem zeitgenössischen Roman über den jungen Herrn Goethe stehen (»Nichts da, knurrte Goethe, die Liebe kann man nicht verschieben«), nicht gestattet. Die Rettung war das Dokument, das Verbürgte, die Expedition in die Archive, beschwerlich oft, zeitraubend fast immer, die Jagd nach jedem Schnipsel, jedem noch so bescheidenen Hinweis. Sie ist für ihr Buch »Goethes letzte Reise« sogar nach Ilmenau gefahren, um ins Bergwerk zu steigen (ganz so, wie es Freund Fühmann einst getan hat), und sie versorgte sich gründlich mit fachmännischen Kenntnissen. »Man muß sich ja vorstellen können«, sagt sie, »was in den alten Akten steht, zudem noch in umständlichem Amtsdeutsch.«

Die Archive sind ihre Welt, erklärt Sigrid Damm. Und dass sie geradezu süchtig sei nach Fakten. Schon das Lenz-Buch bezog seine Stärken aus den Entdeckungen, die ihr gelangen. Im Umgang mit den Realien, in der wundersamen Verschmelzung des fremden Materials mit der eigenen Diktion ist sie dann immer souveräner geworden. Ihre Goethe-Bücher, zuletzt »Geheimnißvoll offenbar. Goethe im Berg«, und ihre große Schiller-Erzählung sind derart gesättigt mit dokumentarischen Funden, mit winzigen, vorher unbeachteten Details, dass sie als singuläre, unverwechselbare Schöpfungen dastehen, nicht zufällig vielgelesen und bewundert.

Sie selber blieb im Hintergrund. Der Literaturbetrieb lässt sie kalt. Sie beteiligt sich weder an Umfragen noch Debatten, schon gar nicht an Quasselrunden des Fernsehens. Auch Journalisten geht sie meist aus dem Weg. Man wundert sich deshalb ein wenig, dass unter den Reden und essayistischen Texten Sigrid Damms, die der Band »Einmal nur blick ich zurück« versammelt, immerhin vierzehn ausführliche Gespräche sind, entstanden freilich in einem Zeitraum von fast 25 Jahren.

Was zählt, ist Arbeit. Sie wird im Stillen getan. Nicht einmal ihr Verlag weiß, womit sie sich gerade beschäftigt. Sie hat es immer so gehalten und so jeden Zeitdruck vermieden. Schrieb, ohne über den Gegenstand etwas zu verraten, und in aller Ruhe so lange gefeilt, bis das Gefühl da war, nun nichts mehr tun zu können. Es ist diesmal nicht anders. Ein neues Buch ist so gut wie fertig. Irgendwann wird man es kaufen können, vielleicht im nächsten Herbst, vielleicht erst später. Sie weiß es selber noch nicht. Und vorerst gibt es ja diesen Band mit Selbstauskünften, Würdigungen, Aufsätzen, Essays und einer Bibliografie, für Damm-Leser eine großartige Fundgrube.

Sigrid Damm: »Einmal nur blick ich zurück«. Auskünfte. Hg. von Hans-Joachim Simm, Insel Verlag, 466 Seiten, geb., 14 €.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln