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Wie Messerwerfer im Zirkus

Kunstausstellung in Dresden: Zeitgenössisches Dilemma mit System

  • Von Sebastian Hennig
  • Lesedauer: 3 Min.
A.R. Penck: »Kleines Systembild«, 1968
A.R. Penck: »Kleines Systembild«, 1968

Arthur Schopenhauer vergleicht die Alterseinsicht in die Welt und das Leben mit dem rückwärtigen Anblick einer bestickten Decke. Während den Jüngling der schmückende Flor auf der Schauseite gefangennahm, sieht der desillusionierte Betrachter später das hintergründige System der Verknüpfungen. Die wirkungsvolle Oberflächlichkeit kann er nicht mehr genießen. Er überschaut, wie alles zusammenhält. Die verborgene Ordnung des Ganzen wird ihm offenbar.

Früher fanden die Kunstwerke in der Reibung mit vorherrschenden Weltanschauungen zu ihrer Gestalt. Die herrschende politische und religiöse Rhetorik musste berücksichtigt werden. Aus dem chaotisch Elementaren und dem gewaltsam Geordneten führten die Bilder ins Freie. Die Künstler balancierten in ihrem Werk das Dilemma des menschlichen Daseins in einem parallel verlaufenden System. Mit der sozialen und technischen Revolution ist diese Verbindlichkeit weggebrochen. Die Romantiker schufen dann weniger Werke als Fragmente und Etüden, die aber immer noch auf unerreichbare Vollendung hindeuteten. Die Bestrebung, die Bindung zur Außenwelt aus sich selbst zu ersetzen, führte schließlich zur spielerischen Systematik neuerer Kunstphänomene.

Um A. R. Pencks frühe Systembilder aus den sechziger Jahren gruppiert die Städtische Galerie Dresden in einer Sonderausstellung Werke von einem Dutzend Künstlern, die ebenfalls systematische Züge tragen. Die Faserstiftzeichnung »Computer« von Penck oder die schematischen Darstellungen von Finanz-Transaktionen durch Mark Lombardi haben weniger konkret mit dem Beschriebenen zu tun. Der Künstlerehrgeiz erliegt der Anziehungskraft dieser Chiffren, die Macht ausstrahlen, wie einst ein Schlachtross oder ein Kardinalshut. Wie bei Kindern, die Eisenbahner, Arzt, Polizist oder Kaufmann spielen, tritt im Spielerischen der Kunstwerke der monotone Ernst des organisierten Lebens zu Tage. Eine faszinierte Beflissenheit, das gefahrlose Geplänkel mit dem wirkungslosen Instrumentarium, eröffnet Seitenblicke auf die bunten Strudel von Reklame, Kommerz und Datendurchfall, die sich um das eigentliche Leben ablagern und es verdecken. Die Künstler sind ja selbst Teil dieses Systems, nach deren Wirkungsgesetzen sie ihr Werk konditioniert haben. Die Klinge, mit der der Fleischer zerlegt, der Chirurg operiert, verwenden sie wie ein Messerwerfer im Zirkus: mit ästhetischer Routine und Vortäuschung von gefährlichen Konsequenzen.

Der hohe ästhetische Reiz des Gesamtanblickes dieser Präsentation steht in keinem Verhältnis zu ihrem Erkenntniswert. Wie eine bunte Diskothekenkugel dreht sie sich um sich selbst und wirft ein glitzerndes Flimmern an die Wände: Licht, das nicht von ihr selbst ausgeht, nur in zahlreichen kleinen Scherbenfragmenten zurückgeworfen wird. Sehr unterhaltsam und kurzweilig ist das Ganze.

Es beginnt schon im Foyer mit der Projektion des neunminütigen Filmes »Powers of Ten« den der Möbeldesigner Charles Eames 1977 für IBM produzierte. Ausgehend von einem Picknick an einer trostlos verbauten amerikanischen Küste reißt die Kamera den Betrachter in eine rasante Fahrt durch Maßstabspotenzen erst in den Makrokosmos, dann im Schnelldurchlauf zurück bis auf die Handoberfläche des Ruhenden, um die eindringliche Reise durch die Lederhaut bis zu den Zellbausteinen fortzusetzen. Wissenschaftsmagie, positivistischer Firlefanz ist das, der durch sein nostalgisches Flair besticht, ebenso wie die spröde Traurigkeit der blassen Faserschreibertinte und Latexfarbe anno 1967 auf Pencks (Welt-)Bildern.

»Welt und System – Zeitgenössische Kunst zwischen Analyse, Verständnissuche und Dilemma« Städtische Galerie Dresden, Wilsdruffer Straße 2, bis 16. Januar 2011, Wilsdruffer Straße 2, Di-So 10-18, Fr 10-19 Uhr, Freitag ab 12 Uhr Eintritt frei

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