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Metronom bricht ein Monopol auf

Bahngesellschaft verkauft eigene Tickets – DB verliert Millionen

Der Streit zwischen der Deutschen Bahn und ihren Konkurrenten über den Vertrieb könnte zu einem Wildwuchs bei den Fahrkarten führen – zu Lasten der Reisenden.

Die Bahngesellschaft Metronom, die in Norddeutschland Nahverkehrszüge betreibt, hat zum Fahrplanwechsel am vergangenen Sonntag eigene Fahrkartenschalter eröffnet. Dort und aus eigenen Automaten verkauft sie nur bei ihr gültige Tageskarten. Was auf den ersten Blick wie ein Dienst am Kunden aussieht, ist vor allem die Folge anhaltender Streitigkeiten über den Vertrieb und das Provisionssystem beim Fahrkartenverkauf – zum Nachteil der Reisenden.

Für die Deutsche Bahn (DB) bedeutet dies Millionenverluste bei Provisionen. Eigentlich besitzt sie das Monopol beim Fahrkartenverkauf. Doch der Staatskonzern hat den Service in den letzten Jahren verschlechtert: Einerseits schränkte er den Verkauf in den Reisezentren wegen der Kosten immer weiter ein und drängte die Reisenden zum Automaten. Andererseits knebelt die DB die Reisebüros und Agenturen. 2004 hatte sie die Verträge mit ihren 3100 Agenturen gekündigt, neue erhielt nur, wer sich mit zwei bis sechs Prozent Provision vom Fahrpreis zufrieden gab. Durch die Vielzahl ermäßigter Fahrkarten wie Ländertickets, Schönes-Wochenende-Ticket und den Sonderverkauf bei Lidl & Co ist den Agenturen Umsatz verlorengegangen. Sie können kaum überleben. Indirekt räumte dies die Bahn AG seinerzeit in einer Mitteilung ein, in der es hießt: »Erfahrungen mit privatisierten Verkaufsstellen haben ergeben, dass dort, bei längeren Öffnungszeiten, höhere Umsätze mit DB-Angeboten erzielt wurden, als in den Jahren zuvor.« Mit anderen Worten: Dies gelingt durch Selbstausbeutung. 16 Stunden tägliche Arbeitszeit, um auf einen grünen Zweig zu kommen, sind für die Agenten nicht selten.

Die Bahngesellschaften wiederum, die der DB im Nahverkehr Konkurrenz machen, erhalten Beträge vom Aufgabenträger – Länder oder Verkehrsverbünde – entsprechend ihres Anteils an den Fahrgeldeinnahmen. Was an Euro in den Reisezentren und Agenturen über den Tisch geht, in die Automaten gesteckt oder beim Internetkauf abgebucht wird, verwaltet die DB. Nach einem Verteilungsschlüssel überweist sie die Erlöse abzüglich der Provision an die anderen Bahnen – nach zu langer Zeit und zu wenig, wie kritisiert wird. Außerdem erhalte die Deutsche Bahn dank des monopolisierten Vertriebes allerlei Informationen über ihre Wettbewerber, etwa wie deren Verbindungen genutzt werden.

Mancher Reisende mag sich wundern, wenn er in einem Zug liest: »Steigen Sie ein! Aber bitte nur mit Fahrkarte« (übrigens ungesetzlich), während er in einem anderen Fahrkartenautomaten vorfindet und vom Zugschaffner erfährt, man könne auch bei ihm das Ticket lösen, und zwar ohne zusätzliche Gebühr. Der eine Zug gehört der Deutschen Bahn, der andere zu Gesellschaften wie ALEX, Veolia, ODEG oder Agilis. Diese lenken die Beträge von den Automaten und den Zugbegleitern ohne Umweg auf ihre Konten, ohne Abzug einer Provision.

Böse Zungen sprechen davon, dass wir bald wieder eine ausufernde Fahrkartenlandschaft haben wie zur Postkutschenzeit. So kann es sein, dass Metronom und die Deutsche Bahn bestimmte Fahrkarten nicht gegenseitig anerkennen. Und der Reisende muss nachlösen.

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