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Grabpflege per Mausklick

Online-Friedhöfe verändern unsere Trauerkultur

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Auf Strassederbesten.de sind Fantasie und Kitsch bei der Grabgestaltung keine Grenzen gesetzt. ND-Screenshot: Jenny Becker
Auf Strassederbesten.de sind Fantasie und Kitsch bei der Grabgestaltung keine Grenzen gesetzt. ND-Screenshot: Jenny Becker

Die Ewigkeit ist verstörend und verlockend zugleich. Manchmal kann man sie spüren, ganz kurz nur, wenn man auf den Friedhof tritt und durchatmet. Zwischen Gräbern und Bäumen stehend wird der Erdenbürger ganz still. Hier ist Raum zum Nachdenken, auch zum Nicht-Denken. Vor allem aber spazieren Menschen über Friedhöfe, um zu gedenken und sich zu erinnern. Sie besuchen jene, die sie geliebt und verloren haben. So war es jedenfalls bis vor Kurzem. Heute sind Wandeln und Gedenken auch im Internet möglich – auf Online-Friedhöfen.

Steinerner Gruß an den Bräutigam auf dem Friedhof Berlin-Britz.
Steinerner Gruß an den Bräutigam auf dem Friedhof Berlin-Britz.

Der Friedhofsbesuch kann jetzt so aussehen: Man setzt sich an den Computer und ruft die Webseite des Portals auf, bei dem man seinem Angehörigen ein Grab angelegt hat. Mit einem Mausklick entzündet man eine Kerze oder legt Blumen nieder. Vielleicht lädt man ein paar Fotos des Toten auf die Seite, schreibt Erinnerungen oder hinterlässt eine Nachricht an den Verstorbenen. Auf zahlreichen Webseiten lassen sich mittlerweile virtuelle Grabstätten einrichten. Im Zeitalter von Globalisierung und Web 2.0 befindet sich auch unsere Gedenkkultur im Umbruch. Abseits der traditionellen Friedhöfe erobern neue Formen der Trauerarbeit ihren Platz. Ausgerechnet auf den Datenautobahnen des Internets werden Verstorbene zur ewigen Ruhe gebettet und suchen Angehörige Trost.

Bedeutend sind Internetfriedhöfe wie Memorta.com, Mymemorial24.de oder Emorial.de vor allem für die Trauernden, die weit weg von den letzten Ruhestätten ihrer Angehörigen wohnen und selten Gelegenheit haben, deren Gräber zu besuchen. Die beiden Kinder von Kristin liegen 500 Kilometer von ihr entfernt begraben, wie die Mutter im Forum des Online-Friedhofs Strassederbesten.de schreibt. »Mit dieser Seite habe ich die Möglichkeit, mich den beiden nahe zu fühlen, wenn ich es brauche. Und ich kann ihre Gräber umgestalten, wenn mir danach ist.« In einer Gesellschaft, die ständige Mobilität von ihren Bürgern verlangt, leben Familienmitglieder und Freunde oft Hunderte Kilometer auseinander. Nach dem Tod stellt sich die Frage: Wer pflegt das Grab? Anonyme Bestattungen und Urnenbeisetzungen gibt es darum immer häufiger. Zum einen sind sie billiger. Statt der durchschnittlich 6000 Euro, die man für eine normale Sargbestattung zahlt, kosten sie nur die Hälfte. Zum anderen ist der Zeitaufwand für die Pflege geringer oder entfällt ganz. Viele alte Menschen entscheiden sich für anonyme Gräber, weil sie ihren Kindern nach dem Tod nicht zur Last fallen wollen. Dabei unterschätzen sie den Wert, den das Innehalten am Grab eines Angehörigen hat.

Menschen brauchen einen Ort für ihre Trauer. Die liebevolle Grabpflege – selbst in virtuellen Gefilden – dient nicht zuletzt der Bewältigung des Verlustes. Mit anonymen Bestattungen kommen viele Hinterbliebene nicht zurecht. »Es ist, als hätte es ihn nie gegeben«, schreibt Gisela im Forum über ihren anonym beigesetzten Vater. Das »erschwert mir meine Trauer«. Sie ist dankbar für das virtuelle Grab. »Endlich gibt es einen Stein, auf dem sein Name steht.« Den dreidimensionalen Stein hat sie auf felsigen Untergrund gesetzt, mitten ans Meer. Die Gischt spritzt und zwei Rosensträuße schweben am Himmel.

Während deutsche Friedhöfe die Gestaltungsfreude der Angehörigen mit strikten Regeln einschränken, sind Fantasie und Kitsch im Netz keine Grenzen gesetzt. Die Gräber auf Strassederbesten.de überbieten sich mit flatternden Schmetterlingen, zwinkernden Engelsfiguren oder kuscheligen Tieren. Im Gegensatz zu den realen Gräbern bieten die virtuellen Pendants zudem unbegrenzten Platz, um die Persönlichkeit des Verstorbenen zu würdigen. Die multimediale Welt des Internets ermöglicht es, neben Texten auch Bild-, Ton- und Videodateien hochzuladen. Die Individualisierung, von der unsere Lebenswelt geprägt ist, setzt sich damit konsequent fort, bis über den Tod hinaus. Und während Friedhofstore zu vorgegebener Zeit schließen, kann man die Online-Gedenkstätten jederzeit besuchen, wenn die Erinnerungen hinausdrängen und verarbeitet werden wollen.

Finden besinnliche Spaziergänge also künftig vom Schreibtisch aus statt? Sind Internetfriedhöfe die besseren Orte der Trauer? Nein, Ersatz können sie nicht sein. Denn während das Flanieren zwischen Friedhofsmauern den Kopf leert und das Herz milde stimmt, ist das Durchforsten der Onlinewelt mit dem Gefühl des ziellosen Dahinsurfens behaftet, das dem Netz eigen ist. Man versinkt in unzähligen Lebensgeschichten und am Ende fühlt man sich erschöpft und ein wenig leer. Es ist nicht die stille Leere, wie sie nach dem Schlendern zwischen geschützten Mauern einkehrt, sondern eine Art Zerstreutheit. Nach einem virtuellen Rundgang muss man sich erst sammeln – den Friedhof hingegen verlässt man gesammelt. Die Formen der Trauer, die das Internet hervorbringt, sind eine zeitgemäße Ergänzung unserer Trauerkultur, nicht ihre Ablösung.

So sehr die Informationsfülle der Memorials dazu beiträgt, Lebensleistungen individuell zu würdigen, so wenig vermag sie das sinnliche Erleben zu ersetzen. Die schauerliche und zugleich tröstliche Nähe, die der Ort spendet, an dem ein Mensch tatsächlich begraben liegt, lässt sich nicht simulieren. Seit Jahrtausenden spielt die besondere Aura von menschlichen Überresten in den verschiedenen Kulturen eine Rolle und zeigt sich nicht zuletzt in der Reliquienverehrung von Gläubigen. In der digitalen Gedenkkultur hingegen verliert der reale Leichnam an Bedeutung und weicht einer abstrakten Auseinandersetzung mit dem Tod.

Im Internet hat sich die religiöse Bewältigung dieses Mysteriums zu einem Umgang gewandelt, der aus Klicks und Pixeln besteht. Auf das persönliche Profil bei Myspace.com folgt die Seite bei Mydeathspace.com. Freunde und Verwandte können weiterhin Nachrichten schreiben, der Verstorbene bleibt Teil der digitalen Gemeinschaft, er bleibt abrufbar – nur sein Profil verändert sich. Die Endgültigkeit des Todes wird in einen Übergang verwandelt, von einer Seite auf die nächste. Früher nannte man das Seelenwanderung. Die Ägypter stellten sie sich als Fahrt über einen Fluss vor. Im 21. Jahrhundert ist daraus die Reise des digitalen Ich geworden.

Einer der Schamanen, die den letzten Gang von einer Webseite auf die andere begleiten, heißt Longerlive. Zu den Dienstleistungen dieses »digitalen Nachlassverwalters« gehört es, persönliche Internetseiten von Verstorbenen zu Erinnerungsseiten umzubauen. Auch Facebook bietet mittlerweile die Möglichkeit, Nutzerprofile in Gedächtnisseiten umzuwandeln, auf denen Freunde und Verwandte ihre Gedanken austauschen und dem Toten Botschaften schreiben können.

Menschen haben von jeher das Bedürfnis, die Präsenz von Verstorbenen aufrecht zu erhalten und auf Vergänglichkeit mit etwas Überdauerndem zu antworten. In den Weiten des Internets bleibt alles gespeichert, sagt man. Ein verlockender Gedanke also, den verstorbenen Angehörigen dort ein ewiges Denkmal zu setzen. Oder die eigene Biografie ins Netz zu retten und so ein Stück Unsterblichkeit zu erlangen. Auf Longerlive kann man sich schon zu Lebzeiten »eine persönliche Seite einrichten und mit all dem füllen, was überlieferungswürdig scheint«. Und der Anbieter Ewigesleben.de lockt damit, mit »der eigenen Stimme, kurzen Filmen oder dem geschriebenen Wort Ihr Vermächtnis wachzuhalten« und das Leben Revue passieren zu lassen. »Solange es Menschen gibt«, soll die persönliche Botschaft abrufbar bleiben – »Für Ihre Kinder, Enkel und Urenkel in zehn, hundert oder tausend Jahren«. Die Ähnlichkeit zu den Selbstdarstellungs-Tiraden, die in sozialen Netzwerken zelebriert werden, liegt auf der Hand.

Auf Emorial.de zahlt man für die Unsterblichkeit einmalig 19 Euro, auf Stayalive.com, das Anfang November online ging, kostet ein ewiges Profil knapp 500 Euro. Im Vergleich zu den traditionellen Friedhofsplätzen, die mit einer Ruhefrist versehen sind und nach einigen Jahrzehnten meistens aufgelöst werden, ist das noch immer wenig. Einfache Erinnerungsseiten können oft sogar kostenlos erstellt werden. Ob das so bleibt, ist fraglich. Unsterblichkeit zu verkaufen, könnte zum lukrativen Geschäft werden. Und für die Werbeindustrie könnten sich die virtuellen Totenstätten als Lebenselixier entpuppen. Die Platzierung von Werbebannern »ober- oder unterhalb sowie neben den Gräbern« ist auf Strassederbesten.de schon jetzt möglich.

Auch Digitale Erinnerungsstätten können keine Erlösung bringen von der Flüchtigkeit des Daseins. Und scheinen die »altertümlichen«, steinernen Grabmäler nicht verlässlicher, als das Datenlabyrinth des Internets? Ist der feste Standort nicht dennoch vorzuziehen gegenüber der immateriellen Form? Zumindest stehen alte Friedhöfe nicht umsonst in zahlreichen Reiseführern und ziehen Touristen an. Friedhöfe sind die Geschichtsbücher einer Stadt. Ihre Grabsteine sind Zeitzeugen, an denen sich nicht nur die Bestattungskultur einer Epoche ablesen lässt, sondern in die sich die Zeit selbst einschreibt – in Form von Rissen und Moosen, die die Oberfläche verändern und an den unvermeidbaren Wandel erinnern.

Auf dem Friedhof in Berlin-Britz gibt es eine Wiese mit Gräbern aus dem ersten Weltkrieg. Die steinernen Pickelhauben und Adlerfiguren sind grün verfärbt. Neben dem mannshohen Stein von Willy Schulz liegt eine schwarze Marmortafel. Sie ist in Stücke zerbrochen, aber wieder zusammengesetzt. Der eingemeißelte Text ist teilweise lesbar: »Denn auf ... Glück ist nicht zu bauen, weil es zu schnell ein Schicksalshauch verweht. Aus der Liebe Arm geschieden, aber aus dem Herzen nie.« Es ist eine Widmung von Willys Braut. Beinahe hundert Jahre alt. Der Anblick dieses steinernen Abschiedsgrußes berührt – und löst mehr aus, als die Lektüre von seitenlangen Lebensgeschichten.


Grüße ins Jenseits

Hallo Omi. Es ist nicht einfach, so weiterzuleben ohne Dich. Ich habe immer Zeiten, da würde ich so gerne zum Telefon greifen und dich anrufen... Ich würde dir erzählen, dass ich wieder Arbeit habe, was dich sicher sehr freut... Dein Urenkel ist jetzt in einer erfolgreichen Fußballmannschaft.

Guten Morgen Schwiegermutter! Hoffe Dir geht es gut auf deiner Wolke! Wir denken jeden Tag an Dich, vor allem am Montag haben wir oft an Dich gedacht! Es fiel mir schon schwer zu sehen, wie Eure alte Wohnung ausgeräumt wurde.

Du hast es ja schon immer geliebt, uns zu überraschen, aber mit dieser Überraschung hättest du dir noch sehr viel Zeit lassen können! Wir vermissen dich jetzt schon sehr in unserer Mitte.

Hallo Mama! Na, heute schreibe ich mal wieder. Uns geht es gut. Sind fleißig im Garten, aber das siehst du ja bestimmt von oben. Das sieht schon gut aus. Können bestimmt in den Ferien da schlafen.

Zum 1. Advent saßen wir alle beisammen wie immer. Unsere Gedanken flogen im Kerzenschein auch zu Dir, Liebster. Wie schön, dass es diese Kinder und Enkel gibt! Ich glaube, wir haben ganz viel richtig gemacht, wir beide.

Mama war heute bei Dir, hat Dir zwei neue Engelchen gebracht und eine Rose für Dich. Du bist immer in meinem Herzen, wirst es immer bleiben, auch wenn Mama es leider nicht so oft schafft, ans Grab zu kommen.

Nun ist es bald schon wieder ein Jahr her und dein kleiner Enkel weint so oft und vermisst seinen lieben Opi. Es tut mir so weh. Wir lieben dich.

www.strassederbesten.de
www.memorta.com
www.emorial.de

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