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Nordmann – der Name passt

Der Mann, nach dem der populärste Weihnachtsbaum benannt wurde

»Warum heißt diese Tanne Nordmanntanne?«, wird der Verkäufer gefragt, der mit einem Musterexemplar hantiert. »Tut mir leid, keine Ahnung«, meint er. Dem Manne kann geholfen werden: Der Baum heißt so nach Alexander von Nordmann, einem sehr vielseitigen, aber vergessenen Forscher.

Viel schöner kann ein Weihnachtsbaum nicht heißen. Das passt perfekt, zumal der Mann aus Finnland stammt. Er hat diese Art entdeckt und als Erster fachgerecht beschrieben. 1803 wurde er geboren, in Ruotsinsalmi bei Kotka am Finnischen Meerbusen. Die Region dort, das südöstliche Finnland, hatte Schweden 1743 an Russland abtreten müssen. 1809 wurde sogar ganz Finnland dem Zarenreich einverleibt. Da Nordmanns Vorfahren aus Schweden stammten und Großvater wie Vater in russischen Diensten standen, lässt sich denken, was der junge Nordmann mitbekam: Orientierung nach mehreren Richtungen und Sprachen. Am Lyzeum von Porvoo stürzt er sich in die Naturgeschichte. Das verstärkt sich von 1821 an während des Studiums an der Akademie in Turku, bis 1812 Finnlands Hauptstadt.

Mit 24 Jahren ist Nordmann Doktor der Philosophie. Danach geht er fort aus Finnland in das anregende Berlin. Fünf Jahre studiert er dort. Die Professoren Karl Rudolphi, ein Anatom, Tier- und Pflanzenforscher, sowie Christian Ehrenberg, ein produktiver Mikrobiologe und Geologe, sind seine einflussreichsten Lehrer. Nordmann macht in Berlin noch einen Doktor, den Dr. med. Er will etwas werden. Sein Buch »Mikrographische Beiträge«, 1832 erschienen, wird ein Klassiker.

Kurz darauf ist er in Odessa am Schwarzen Meer zu finden, als Lehrer für Zoologie und Botanik am Lyzeum Richelieu. Dort wird er bekannt und kommt dem Baum näher, der heute millionenfach verkauft wird. Er avanciert zum Leiter der Hochschule für Gartenbau – und heiratet seine Cousine Helena. Die beiden bekommen drei Kinder.

Ein schwedischer Biograf bescheinigt Nordmann die Qualität eines Kosmopoliten, der viele Sprachen konnte. Vom Wesen her sei er »vänlig och hjälpsam«, also »freundlich und hilfsbereit«, sehr verbunden mit der Forscherelite in Europa. Aus der Korrespondenz allein mit dem Esten Karl Ernst von Baer, 1971 in der Gießener Unibibliothek entdeckt, sind 42 Briefe erhalten.

Themen hat Nordmann für seine Briefe und 58 Publikationen genug, er befasst sich mit Fischen, Vögeln, Insekten, Schalentieren und Parasiten; acht Säugetierarten werden nach ihm benannt. Als ambitionierter Paläontologe beschreibt er in vier Bänden die fossile Entwicklung Südrusslands. Gern macht er mit bei Exkursionen auf der Krim und im Kaukasus.

Im westlichen Kaukasus, bei Borshomi in Georgien, stößt der 35-Jährige ohne an Christbäume zu denken, die damals noch kaum üblich waren, in 1000 bis 2000 Metern Höhe auf eine eindrucksvolle, aber noch unbeachtete Tannenart mit dichten, kräftigen Zweigen. Nach seiner Beschreibung erhält sie den Namen Abies nordmanniana. Von 1841 an wird sie kultiviert und nach Westeuropa eingeführt.

Unverändert sind es diese alten Herkünfte, die heutige Saatgutzüchter und Plantagenbetreiber schätzen. Die unerfreuliche Folge: »Dort tobt mitunter ein richtiger Saatgutkrieg, da spazieren schon mal Leute mit Pistole und Maschinengewehr umher«, sagte der Pflanzenphysiologe Jürgen Matschke (Münster) einmal, der oft in Georgien war. Am Gartenbauzentrum in Münster-Wolbeck wird viel zu Nordmanntannen geforscht, ebenso an der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin.

Sie sind vor allem deshalb gefragt, weil sie ein gutes Wuchsbild zeigen, pflegeleicht und nicht zu stachelig sind. Einige Wochen lang halten sie sich auch bei Zimmertemperatur gut, »wenn man sie vor dem Aufstellen in Wasser unten zwei bis drei Zentimeter glatt abschneidet«, wie der Münchner Fachmann Markus Schauer rät. Vor 25 Jahren etwa machte der Nordmann-Anteil in Deutschland nur knapp ein Drittel der jährlich 25 bis 28 Millionen Weihnachtsbäume aus. Heute sind es rund 80 Prozent, dabei ist viel Importware aus Dänemark, Polen und Irland.

Zurück zu unserem Pionier. 1849, im Jahr nach dem Tod seiner Frau, geht Nordmann zurück nach Finnland. Das rastlose Arbeiten und eifrige Sammeln wird mit der Professur für Naturgeschichte und von 1852 an mit der für Zoologie belohnt, an der neuen und einzigen finnischen Universität in Helsinki. Nordmann hält sehr gut besuchte Vorlesungen, praktiziert die heute oft geforderte Interdisziplinarität – und verausgabt sich. Sein Herz macht nicht mehr mit. Er stirbt als hochgeschätzter Gelehrter (29 Fachgesellschaften führen ihn als Mitglied) im Juni 1866. Die Sache mit der Tanne aus dem Kaukasus war nur eine Episode seines reichen Lebens.

Berlin, Nordmanns alte Wirkungsstätte, in der viele Straßen einfach nur 223 und 956 heißen, könnte etwas für ihn tun: eine Straße nach ihm, dem Namensgeber, benennen. Am besten eine Allee mit Prachtexemplaren von Abies nordmanniana. Die winzige Nordmannzeile in Schöneberg bezieht sich nämlich nicht auf ihn, sondern den Chirurgen Otto Nordmann. Da stehen nur einige Bäume – Laubbäume.

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