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Alter Name, neue Mitglieder

Die Humanistische Union wollte sich umbenennen und scheiterte an ihren eigenen Regeln

Nach jahrelanger Diskussion wollte sich die älteste deutsche Bürgerrechtsvereinigung einen neuen Namen geben. Doch der Vorschlag fand nicht die nötige Mehrheit. Halb so wild, in vielleicht zwei Jahren wird es einen neuen Anlauf geben und dann vielleicht auch einen knackigeren Vorschlag als »Gesellschaft für Bürgerrechte«.

Aus Raider wurde Twix. Aus fünf Einzelgewerkschaften ver.di. PDS und WASG schlossen sich zur Partei DIE LINKE zusammen. Aber die Humanistische Union (HU) und die Gustav-Heinemann-Initiative (GHI) werden weiter den sperrigen Namen »Humanistische Union vereinigt mit der Gustav-Heinemann-Initiative« tragen. Der Vorschlag »Gesellschaft für Bürgerrechte« fand nicht die nötige Mehrheit. In einer Urabstimmung votierten 475 Mitglieder für den neuen Namen, 172 dagegen. Doch das reichte nicht, wenn auch knapp. 14 Stimmen fehlten, auch nach dem zweiten Auszählen.

Die Humanistische Union, mit Sitz in Berlin, ist die wichtigste Bürgerrechtsorganisation der Bundesrepublik, bekannt für seriöse Fachtagungen und Verfassungsbeschwerden, nicht für Flugblattaktionen und Flashmobs. Die Trennung von Kirche und Staat, die Begrenzung der Befugnisse von Polizei und Geheimdiensten, der Schutz persönlicher Daten gehören ebenso zu ihren Themen wie die Rechte von Außenseitern der Gesellschaft, etwa Gefangene und Flüchtlinge.

Lediglich 14 Stimmen zu wenig – Geschäftsführer Sven Lüders nimmt es locker. »Da sind wir leidensfähig«, sagt er. Einmal sei eine Urabstimmung sogar an nur vier Stimmen gescheitert. Die HU-Satzung lässt sich nur mit einer Dreiviertelmehrheit ändern. Die hohe Hürde ist ein Erbe aus einer Zeit, als der Verband sich gegen Unterwanderung schützen wollte.

Der neue Vorschlag sei nicht gut genug gewesen, räumen selbst die Befürworter ein. Ärgerlich könnte das Scheitern der Namensänderung eher für die ehemalige Gustav-Heinemann-Initiative sein, die vor anderthalb Jahren mit der mitgliederstärkeren HU fusionierte. Im Alltag wird ihr Anteil im Namen nun wohl einfach wegfallen. Der Bürgerrechtsverein, der mit seinem Namen an den ehemaligen Bundespräsidenten und Wiederbewaffnungsgegner Heinemann erinnert, war als Antwort auf die RAF-Hysterie gegründet worden.

Die GHIler tragen es jedoch mit Fassung, dass die mit der Fusion vereinbarte Umbenennung nun doch nicht stattfindet. »Die Mehrheit der traditionellen HUler hat sich für eine Änderung ausgesprochen«, erkennt Jutta Roitsch-Wittkowsky den guten Willen an. Außerdem ging es bei der Diskussion um einen neuen Namen nicht nur um die GHI. »Er sollte ja auch ein Signal für Jüngere sein, dass man künftig auf den ersten Blick erkennt, was wir sind.«

In der Tat beschäftigt die HU die Namensfrage aus diesem Grund schon länger. Viele sehen den Namen als Hindernis, breiter wahrgenommen zu werden. Denn statt an Bürgerrechte und Datenschutz erinnert »Humanistische Union« mehr an den Humanistischen Verband und andere Atheistenorganisationen oder gar an die CDU. Allerdings gibt es eine relevante Minderheit, für die das antiklerikale Profil, das sie mit dem Wort humanistisch verbinden, weiter identitätsstiftend ist. Gründungsimpuls für die HU war 1961 nämlich das Verbot einer Aufführung von Mozarts Figaro in München. Die katholische Kirche hatte Druck gemacht. Ihr war das Bühnenbild zu »unsittlich«. Die Abschaffung staatlicher Kirchenprivilegien gehört deshalb zu den ältesten Forderungen der Organisation.

Der Entscheid wird den Fusionsprozess wohl nicht belasten. Dafür sind die Gemeinsamkeiten zu groß. Zum Beispiel geben beide Organisationen seit Jahren den Grundrechtereport, den alternativen Verfassungsschutzbericht, mit heraus. Ob die Fusion gelingt, hängt mehr davon ab, ob sich die »Heinemänner« inhaltlich wiederfinden. So bringt die GHI mit Friedenspolitik und sozialen Grundrechten neue Schwerpunkte ein. Der gemeinsame Verband feilt derzeit an seinen Positionen zum Abzug aus Afghanistan. Dies ist maßgeblich von der GHI angestoßen worden. Zudem hat er sich in diesem Jahr auf verschiedenen Tagungen mit den Fragen der Existenzsicherung und der Teilhabe armer Menschen in Deutschland beschäftigt und kritische Stellungnahmen zu den neuen Hartz- IV-Regelsätzen und dem Bildungspaket verfasst.

Die Humanistische Union muss derzeit aber nicht nur eine neue Organisation integrieren, sondern auch eine neue Generation. Die Hälfte der derzeit 1600 Mitglieder ist in den letzten zehn Jahren eingetreten. Ein Drittel von ihnen ist unter 40, vor fünf Jahren war es nur jeder zehnte. Ausdruck des Generationswechsels ist ein neuer Arbeitskreis – zum Thema Netzpolitik. Seinen 50. Geburtstag im nächsten Herbst feiert der Verband nun noch mit dem ursprünglichen Namen. Das jetzige Votum der Mitglieder sagte aber auch: den 60. sicher mit einem neuen.

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