Werbung

Im Unglück doch glücklich

Zum 85. Geburtstag von Michel Piccoli

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Im Unglück doch glücklich

Im vergangenen Jahr spielte Michel Piccoli in Paris die Titelrolle in Thomas Bernhards Theaterstück »Minetti«. Porträt eines Künstlers an den Pforten zur immerwährenden Verrücktheit. Verrückt-Heit: Abgerücktheit von den Gemäßigten. Piccoli spielte den Wahnsinn wie eine milde Gabe des Schicksals. Minetti? Thomas Bernhard hatte an den großen Bernhard Minetti gedacht, und Piccoli stand vor fünfundfünfzig Jahren als junger französischer Arbeiter vor der DEFA-Kamera – in Kurt Maetzigs Ernst-Thälmann-Film, an der Seite von Hans-Peter Minetti ... Fügung.

Dieser Schauspieler steht für die Grenzfreiheit zwischen Kunst und Unterhaltung. Popularität und artifizielles Raffinement als Ausdrucksformen eines unteilbaren Spiel-Charakters. In etwa zweihundert Filmen wirkte er mit, der Mann aus einer italienischen

Musikerfamilie. Ein Star, dessen kaltglühende Beherrschtheit erregen konnte, just dann, wenn sie sich an der Seite von Romy Schneider, Brigitte Bardot, Cathérine Deneuve entfaltete – zur hohen Schule eines erotischen Spiels mit Stil und Kultur.

In Jean-Luc Godards »Verachtung« gelang ihm der Durchbruch, auch Filme von Claude Sautet (»Die Dinge des Lebens«, »Das Mädchen und der Kommissar«, ›Vincent, Francois, Paul und die anderen«) gingen um die Welt. Vor allem der große Luis Bunuel wusste sehr wohl, warum er gerade Piccoli so gern einsetzte, als Gutsbesitzer auf amourösen Abwegen, als schleimigen Priester, als Industriellen und Minister oder als nobel-fiesen Hausfreund. Gerade in dem verfallsträchtigen Vexierbild-System des genialen Bunuelschen Surrealismus (u.a. »Der diskrete Charme der Bourgeoisie«) garantierte Piccoli stets so etwas wie hinterhältige Mannesfaszination.

Perfekt, diese Balance aus (groß)bürgerlicher Anständigkeit und darin eingelagerter Verruchtheit; im besten Falle das Schillern zwischen dem Halb-Bösen und dem Viertel-Guten. Piccoli war der Typ des bourgeoisen Verführers, aber nicht den draufgängerischen Charme eines Don Juan strahlte er aus – er blieb der Starke mit Abgründen, hinter dessen maskulinen Aktionen und Attraktionen ein klug vertracktes Netz machtpolitischer, finanzieller und familiärer Verstrickungen zu ahnen war.

Wenn von Kraft die Rede ist, so ist dies bei Piccoli aber stets auch die Selbstverständlichkeit, mit dem eigenen Wesen sich die Welt herzunehmen und, wie ein Kritiker schrieb, sich zugleich darin zu verlieren. Man könnte sagen: Als sei noch das Bodenlose eine Hängematte, in der immer Zeit bleibt für eine Zigarette »danach«, und danach ist jeder Moment. In einem seiner Filme (»Komödie im Mai«) angelt er Flusskrebse, ein wunderbar leichtsinniger, leichtherziger Widerstand gegen Vernunft und Ordnung, und es steckt dahinter eben jene souveräne Beiläufigkeit, mit der er sich im »Gefährlichen Spiel von Ehrgeiz und Liebe« niedersetzt, statt zu toben: Eben erwischte er seine Frau mit einem Mann, und es liegt in dieser ungeheuren, unangebrachten, unlogischen Ruhe des Verarbeitens ein so irrwitzig kindisches Hoffen auf eine unkonventionelle Wendung der bitteren Situation.

Begonnen hat er als Theaterschauspieler, und in der Titelrolle von Ibsens »John Gabriel Borkman« zeichneten ihn die deutschen Kritiker 1993 als Schauspieler des Jahres aus. Diese Inszenierung von Luc Bondy feierte Triumphe in Europa. Borkman: ein Mensch, der hoch hinaus wollte, sich im Ehrgeiz schuldig machte, eingesperrt wurde und der nun, am Ende, wie ein Nosferatu im Schattenreich des eigenen Hauses sein verstörtes, noch immer traumstörrisches Dasein lebt. Piccoli: oben Löwenmähne, unten schlaffe Hände, der Haarkranz wie eine Dornenkrone, flackerndes Sinnen zwischen Jesus und Lear; ein Einsamer, gleich einem Fürsten der Untoten, noch immer ein rätselhaft Zielstrebiger, der aber ohne Ziel durch die Wohnung und später durch eine fantastische Bühnenwinterlandschaft stapft. Der Niedergeworfene trotzig schwebend. Der Schauspieler über diese Rolle, vor einigen Jahren im ND-Interview: »Borkman ist einer, der das Unglück geradezu sucht – und dabei glücklich bleibt. Gespenstisch heitere Lebenskunst.«

Nun ist Michel Piccoli fünfundachtzig.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!