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Kein »Tor zur Freiheit« für Asylbewerber

Weil kaum noch Spätaussiedler kommen, erhält das Lager Friedland neue Aufgaben

Weil in den vergangenen Jahren immer weniger sogenannte Spätaussiedler aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion nach Deutschland kamen, hatte die niedersächsische Landesregierung im Herbst entschieden, das Lager Friedland zum Jahresbeginn 2011 mit einer neuen Aufgabe zu betrauen: als einzige Erstaufnahmeeinrichtung des Landes für Asylbewerber.

Am Montagvormittag war noch kein Asylbewerber im Grenzdurchgangslager Friedland bei Göttingen eingetroffen. Es könne aber sein, sagte Lagerleiter Heinrich Hörnschemeyer, »dass die ersten noch im Laufe des Tages ankommen. Wir sind vorbereitet, das Lager ist rund um die Uhr geöffnet.« Bisher Erstaufnahmelager für Spätaussiedler, erlebte Friedland 2010 den bisherigen Tiefpunkt beim Zuzug der Aussiedler. Bis Mitte Dezember waren nur 2270 eingetroffen, berichtet Hörnschemeyer. Kamen im Rekordjahr 1989 etwa 400 000 Aussiedler in Friedland an, waren es 2005 nur noch 35 000 und 2007 knapp 6000. Die Zahl wird künftig noch weiter abnehmen. Das liegt auch an den Bedingungen im Zuwanderungsgesetz. Es schreibt ausreichende Deutschkenntnisse für Einwanderer vor. Die nun erwarteten Asylbewerber sollen im Lager erste Formalitäten erledigen, in einer neuen Dependance des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge ihre Asylanträge stellen und dann auf die Wohnorte verteilt werden.

Eine Entscheidung über die Anträge erfolgt in Friedland aber noch nicht. Anders als die Aussiedler, dürfen wohl auch nur die wenigsten Asylbewerber dauerhaft in Deutschland bleiben. Für sie bleibt das von Politikern gern so genannte »Tor zur Freiheit« also allenfalls einen Spalt offen. In dieser Woche kommen zunächst Asylbewerber aus Irak. Wie viele es sein werden, wusste Hörnschemeyer zunächst noch nicht. Vorerst seien 150 Plätze für sie eingerichtet worden. Im Jahresverlauf werde die Kapazität auf 350 Plätze erweitert. Niedersachsen übernimmt nach einem festen Schlüssel 9,3 Prozent der Asylbewerber, die in Deutschland einen Antrag stellen. 2010 waren das knapp 40 000. Die Prognose für 2011 ist ähnlich. Ab dem Frühjahr 2009 wurde das Lager Friedland zwischenzeitlich zur Anlaufstelle für 2500 irakische Kontingentflüchtlinge, die keinen Asylantrag stellen mussten und eine befristete Aufenthaltserlaubnis erhielten. Die Iraker besuchten im Lager Integrationskurse und wurden dann nach einem festgelegten Schlüssel auf die Bundesländer verteilt. Aussiedler können bereits seit 2007 an solchen Integrationsmaßnahmen teilnehmen.

Parallel zur Aufnahmeeinrichtung für Asylbewerber wird das Lager Friedland zum Museum umfunktioniert. Am 13. Dezember war die Politikerin Vera Wucherpfennig bei der Weihnachtsfeier im Lager. Die Christdemokratin wurde im niedersächsischen Innenministerium mit der Aufgabe betraut, das Museumsprojekt zu leiten. Bereits bestehende Bauwerke wie alte Baracken, die evangelische Holzkirche, die Friedland-Glocke oder das Heimkehrer-Denkmal könnten Bestandteile der Gedenkstätte sein, die die Geschichte des Lagers dokumentieren soll.

Als der von den Nationalsozialisten losgetretene Zweite Weltkrieg vorbei war, herrschten Hunger, Chaos und Verzweiflung. Millionen Flüchtlinge und Vertriebene irrten umher. In Friedland, wo drei Besatzungszonen aneinander stießen und es einen Bahnhof und eine große Straße gab, ordneten die Alliierten die Einrichtung eines Auffanglagers an. Über Nacht wurde Friedland zum Anlaufpunkt für Hunderttausende. Als erste Behelfsunterkünfte dienten Schweine- und Pferdeställe. Nach Vertriebenen und entlassenen Kriegsgefangenen kamen die Spätaussiedler und jüdische Kontingentflüchtlinge. Bis heute haben insgesamt fast 4,5 Millionen Menschen das Lager durchlaufen. Themen und Geschichten für ein Museum gibt es also genug.

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