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Volksverhetzung oder Aufschrei gegen das System

Hip-Hop-Musiker wegen gewaltverherrlichender und menschenverachtender Texte angeklagt

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Peter Kirschey aus Berliner Gerichtssälen
Peter Kirschey aus Berliner Gerichtssälen

Gruseln ist nicht das richtige Wort. Hundeübel kann einem werden beim Hören der Texte. Aber sie sind ja auch nicht für mich, einen Uraltgrufti, bestimmt. Sie sollen an den Nerven junger Leute zupfen. »Friss oder stirb« heißt die CD, weshalb drei Männer Björn (27), Raphael (29) und Jonas (29) sowie Frau Lovelet (28) wegen Volksverhetzung und Gewaltdarstellung seit gestern angeklagt sind. Vor dem Gerichtssaal verstecken sie sich hinter ihren Anklageschriften, ihre Gesichter sollen nicht erkannt werden. Im Internet zeigen sie sich, geben Interviews – aber nur mit Masken, das treibt den Marktwert nach oben. Zwei nennen sich »Blokkmonsta & Schwartz«, die zarte Krankenpflegerin »Dr. Jekyll«, der vierte im Bunde hat die Scheiben mit vertrieben und damit sein Geschäft gemacht.

»Blokkmonsta und Schwartz« und »Dr. Jekyll« waten in ihren Sprechgesängen, die 2009 veröffentlicht wurden, in einem Meer von Blut, foltern, stechen ab, rösten Menschenfleisch und finden alles ganz normal. Exzessive Gewalt und Grausamkeiten werden verherrlicht oder verharmlost, sagt die Staatsanwaltschaft. So werde die Tötung von »stinkenden Personen« als legitim besungen. Die Menschenwürde werde damit in den Schmutz getreten, die Hemmschwelle zur Gewaltausübung herabgesetzt.

Doch die verbalen Schlächter aus der Rapper-Szene halten mit einer Erklärung dagegen: Die Texte entstanden vor zwei Jahren, als die Weltwirtschaftskrise die Gesellschaft in ihren Grundfesten erschütterte. Der Begriff vom Raubtierkapitalismus machte die Runde. »Fressen oder gefressen werden« – das war das zentrale Thema der CD. Die Worte Kapitalismus und Kannibalismus haben nicht nur Klangähnlichkeiten, sie liegen in der Lebensrealität nahe beieinander. Das menschliche Dasein ist ein fortwährender Überlebenskampf. Und so muss der Psychopath halt seinen Freund und Kumpel fressen, um nicht selbst gefressen zu werden. Die Obdachlosen sind die Verlierer, die Ausgestoßenen, die niemand an seiner Seite haben will. Wir sprechen nur aus, was viele denken. »Beute oder Jäger, Opfer oder Täter, was ist dir lieber?«, schreien sie, von sanften, fast zärtlichen Klängen unterlegt, ins Mikrofon.

Gewalt als künstlerisches Konzept, ergänzen die Verteidiger. Sie spielt sich auf abstrakter Ebene ab, wird absichtlich überzeichnet. Die Provokation ist beabsichtigt, um die Leute zum Nachdenken anzuregen – anders als in Horrorfilmen, wo Gewalt und Grausamkeiten immer konkret sind und nur auf den Schaueffekt abzielen. Was die Rapper in Texte gegossen haben, sei nichts anderes als das, was tagtäglich in amerikanischen Horrorfilmen vermittelt wird. Keine Behörde würde jemals auf die Idee kommen, solche Machwerke zu verbieten. Ihre Mandanten wollen nur mithelfen, die Gleichgültigkeit der Gesellschaft gegenüber Gewalt zu überwinden. Doch mit solchen Texten?

Bereits 2008 standen Björn und Raphael wegen Volksverhetzung vor Gericht. Sie nannten sich und ihr Plattenmarkenzeichen »Hirntot«. Damals hatten sie der sozialdemokratischen Politikerin Monika Griefan einen grausamen Tod angekündigt. Außerdem besangen sie den Mord an einem Polizisten. Dafür wurden sie als erste Nicht-Nazi-Gruppe zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Außerdem sah das Gericht die Notwendigkeit einer psychiatrischen Behandlung. Die Sprechsänger bereuten zutiefst und gelobten Besserung. Blut werde künftig nicht mehr im irdischen Leben angesiedelt sein, es werde nur noch in einer Welt von Dämonen und Fabelwesen fließen. Viel geholfen hat die Strafandrohung offensichtlich nicht. Die Texte sind noch brutaler, noch geschmackloser geworden.

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