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Die grüne Zukunft in der Kältekammer

Im Botanischen Garten lagern Samen von 3500 bedrohten Wildpflanzen, um sie zu retten

  • Von Jutta Schütz, dpa
  • Lesedauer: 3 Min.
Auch der größte Samen der Welt von der Seyschellenpalme lagert in der Samenbank. Fotos: dpa / Stephanie Pilick
Auch der größte Samen der Welt von der Seyschellenpalme lagert in der Samenbank. Fotos: dpa / Stephanie Pilick

Bei minus 24 Grad wird in Berlin die grüne Zukunft aufbewahrt. Im traditionsreichen Botanischen Garten in Dahlem lagern in Riesen-Kühltruhen Samen von rund 3500 Arten bedrohter und selten gewordener Wildpflanzen aus Europa. »Wir müssen gewappnet sein für den Klimawandel«, sagt der Professor der Freien Universität Albert-Dieter Stevens. Die getrockneten, gereinigten und luftdicht verpackten Kostbarkeiten sollen noch in 200 Jahren keimen können.

Der wissenschaftliche Chef des Botanischen Gartens und seine Botaniker-Kollegin Elke Zippel nennen den Kühlraum ihre Schatzkammer: »Wir bewahren ein Stück genetische Vielfalt der Wildpflanzen und damit Lebensgrundlage der Menschen.« Die vor 15 Jahren gegründete Genbank für Wildpflanzen ist deutschlandweit die älteste. Jedes Jahr komme Neues hinzu, erläutert Zippel. Allein in Deutschland sei knapp die Hälfte der Pflanzen gefährdet oder gar vom Aussterben bedroht. »Dem wollen wir entgegenwirken«, unterstreicht die promovierte Fachfrau. Und so stecken reduziert auf ihren Samen auch Schneckenklee, Wiesen-Küchenschelle und Adonisröschen in den Glasröhrchen.

Zippel hat ein Blitzen in den Augen, als sie von ihrer Entdeckung berichtet – in der Nähe von Potsdam fand sie den vom Aussterben bedrohten Lungen-Enzian. Nun soll er im Botanischen Garten vermehrt werden, damit wie einst einige Feuchtwiesen wieder in blau schimmern. »Wir sorgen dafür, dass sich winzig kleine bedrohte Pflanzenpopulationen in ihrem Bestand erholen oder neu heimisch werden«, sagt die 42-Jährige. So sei auch das selten gewordene Leimkraut in Berlin gerettet worden. Gab es vor zwölf Jahren noch ganze acht Pflanzen, seien es nun rund 10 000.

Die Wissenschaftler schwärmen in alle Welt aus, um Pflanzen nach Samen abzusuchen oder seltene überhaupt zu finden. Ein Teil der Samen kommt aber auch aus der Vielfalt der mehr als 100 Jahre alten Forschungs- und Bildungsstätte des Botanischen Gartens. Kein einziges Körnchen gehe an Privatleute, sagt Zippel. »Das Material ist ausschließlich für die Forschung und den Naturschutz gedacht.«

2011 soll die Dahlemer Saatgutbank bessere und größere Räume mit Laboren bekommen. Mehr als eine Million Euro müsse investiert werden, sagt Stevens. Derzeit gibt es neben der kalten Lagerung für Jahrhunderte ganz in der Nähe noch die »Samenstube«, von der aus Pflanzensamen in alle Welt verschickt werden. Der Professor zeigt auf einen uralten Holzschrank mit Dutzenden Schubfächern für das Saatgut. Daneben rütteln zwei Frauen Samenstände durch Siebe und pusten Reste weg. »Unter diesen Bedingungen wird Welt-Spitzenklasse-Arbeit geleistet«, sagt Stevens.

Marion Raddatz, seit 36 Jahren im Botanischen Garten, kümmert sich um den Versand. Sie hat den richtigen Schüttelgriff, um die Spreu vom Kostbaren der Pflanze zu trennen. Pro Jahr werden bis zu 15 000 Samentütchen für den Versand zurechtgemacht und mit wissenschaftlichem Namen ausgezeichnet. »So viel schafft nicht mal der Königliche Botanische Garten von Kew bei London«, vergleicht Stevens. Der immer wieder aktualisierte Katalog »index seminum«, aus dem mehr als 600 Botanische Gärten, Unis und Forschungseinrichtungen Raritäten aussuchen, ist der ganze Stolz der Berliner Wissenschaftler in dem 43 Hektar großen Garten. Vor mehr als 100 Jahren kam der erste heraus. Mehr als 3000 Positionen sind in dem aktuellen Bestellbuch aufgelistet. »Wir verbürgen uns für alles, was da drin ist«, versichert Professor Stevens.

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