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»Es gibt immer wieder wunderbare Momente«

WOLFGANG DE BRUYN, Direktor des Kleist-Museums Frankfurt (Oder)

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ND: Herr Dr. de Bruyn, am 4. März wird, gleichsam auf der Achse Frankfurt an der Oder-Berlin, das Kleist-Jahr 2011 offiziell eröffnet. Kleist wurde in Frankfurt geboren, sein Todestag jährt sich im November zum 200. Mal. Ist dieses Jahr für Sie als Direktor des Kleist-Museums wirklich ein besonderes?
de Bruyn: Ja, es gibt einen Unterschied zu anderen Feier- und Gedenkanlässen, obwohl ich die einschlägigen Jubeljahre nicht so mag …

Gestatten Sie die Unterbrechung: Warum nicht?
Sie haben's ja alle durch: Goethe, Schiller, Lessing. Da ist immer auch eine Menge Oberflächenputz, man schmückt sich mit großen Namen, die Repräsentanz siegt nicht selten gegen die wirkliche Beschäftigung mit einem Werk. Das Event setzt sich gegen das Erlebnis durch.

Nun also der Unterschied.
Erstens bleibt so ein thematisches Jahr trotz besagter Einwände eine Chance der Vermittlung, der gesteigerten Aufmerksamkeit für Poesie. Zweitens: Für uns ist es nicht nur das 200. Todesjahr Heinrich von Kleists, das zu besonderer Aufmerksamkeit einlädt – in diesem Jahr geschieht zudem auch der erste Spatenstich für den Erweiterungsbau unseres Museums. Jahrelang haben wir um die Finanzierung gerungen. Mit diesem Projekt stand im Grunde die Perspektive des Hauses auf dem Spiel. Der Neubau ist gesichert.

Und im Raum Berlin-Brandenburg wird durch das Gedenkjahr, wie man so schön sagt, neue Nachhaltigkeit entstehen?
Ja, davon bin ich überzeugt – auch wenn nach den Feiern wieder eine gewisse Ernüchterung eintreten wird.

Berlin-Brandenburg: Das ist auch Theodor Fontane. Oder sogar: Es ist Fontane vor allem, vor allen anderen.
Nun ist mit mir kein Wettstreit um den Grad von Bedeutsamkeiten von Dichtern aufzumachen. Für Charts und Ranglistengier gibt es genug trübe Medien. Aber natürlich: Das Kleist-Jahr offenbart durchaus, dass dieser Dichter in der Region inzwischen ganz anders verortet ist als zu früheren Zeiten. Er musste gleichsam den Weg über die Weltgeltung gehen, um auch in der Region – überspitzt gesagt – weltberühmt zu werden und es unverrückbar zu bleiben. Wünschenswert wäre, wenn dies auch stärker ins Bewusstsein des Bildungsministeriums rückte, Kleist also merklicher in den Lehrplänen vorkäme.

Der Schriftsteller Günther Rücker hat zu DDR-Zeiten einen Text geschrieben, über »Heinrich von Kleist und die Lehrpläne«, darin der Vorschlag, Kleist zu hören, Kleist zu lesen, ihn laut zu lesen, immer wieder: »Der junge Mensch wird bald spüren lernen, wie Sprache arbeitet, wie der Gedanke sich das Wort sucht, wie aus Wörtern, Klang und Rhythmus, wie aus Perioden und Bögen die lebendige Architektur der Sprache sich bildet … es werden dem Gefühl für Sprache Flügel wachsen, es wird sich erheben aus den Dielen der Klassenzimmer und wird sich hochschwingen und immer höher und die Landschaften überschauen lernen ...«
Schön gesagt! Das ist der immerwährende Berg Arbeit, der vor uns liegt. Wir versuchen diese Annäherung an Kleist auch mit unseren museumspädagogischen Projekten.

Ist Ihre Arbeit so geartet, dass man sagen könnte: Sie leben mit Kleist?
Ich lebe mit Zeugnissen von ihm. Als ich vor Jahren hierher kam, verliebte ich mich sofort in dieses schöne spätbarocke Haus. Es ist nicht Kleists Geburtshaus, aber als ehemalige Garnisonsschule hat es doch viel mit ihm zu tun. Es gibt immer wieder wunderbare, berührende Momente, etwa, wenn wir ein neues Stück für unsere Sammlung von Kunstwerken zu Kleist ankaufen oder eine Handschrift entdecken und die dann ebenfalls in unserem Museum verbleibt.

Es gibt das Museumsprojekt einer »Kleist-WG« …
Ja, das ist ein Schülerprojekt, das sich mit dem Thema des unbehausten Dichters beschäftigt – der in seiner Geburtsstadt quasi endlich ein Zuhause erhält. Schüler aus Brandenburg, Berlin und anderen Orten, die mit Kleists Biografie zu tun haben, entwickeln ihre Ideen von einem Haus für Kleist, von einer Wohngemeinschaft für den unruhig und quälend Suchenden. Dieses Projekt hat gezeigt, wie assoziationskräftig dieses Leben in unsere Gegenwart drängt. Da ist die andauernde, letztlich unbefriedigte Sehnsucht nach Anerkennung, nach erfüllter Arbeit, nach erlösender Selbsterkenntnis. Bis hin zum Recht eines Todes auf Verlangen. Das sind brisante Themen, etwa auch der konfliktgeladene Zusammenhang von Recht und Gerechtigkeit, wie er im »Michael Kohlhaas« so dramatisch zum Ausdruck kommt. Kürzlich ging in Rom eine unserer Ausstellungen zu Ende, »Kleist trifft Goethe«. Auch hier bedrängende Nähe durch ein klassisches, leidvolles Muster: der arrivierte Autor und der um Geltung Ringende – das Arrivierte ist das Ton Angebende, und der Außenseiter wird nicht verstanden, Denkwelten finden nicht zueinander, und wo sind bei dem, der sich durchgesetzt hat, die Grenzen zwischen Argument und Arroganz?

Welches Kleist-Werk lieben Sie besonders?
»Käthchen von Heilbronn«. Die »Penthesilea« ist brutal und hart und wild, geradezu Unmenschliches wird darin verhandelt. Im »Käthchen« dagegen gibt es einen berührenden Liebreiz … wie sie da unter dem Holunderbusch träumt … es ist einfach schön.

Haben Sie schon mal von Kleist geträumt?
Von ihm als Person nicht. Die Dinge der Arbeit freilich bedrängen mich, auch ungerufen. Aber es war noch nie ein Albtraum.

Welche Ausstellungen stehen bevor?
Für den Oktober bereiten wir eine Exposition im Österreichischen Theatermuseum vor. Dann: Kleist auf Rügen und eine Ausstellung im Greifswalder Wolfgang-Koeppen-Haus. Ich möchte zu den Ausstellungen generell noch sagen: Wir versuchen, wo es geht, den unmittelbaren biografischen oder werkhistorischen Bezug auszuweiten. Bis hin zu volkskundlichen Aspekten. Wir zeigten zum Beispiel vor zwei Jahren eine Ausstellung in Polen, »Kleists Reise ins Riesengebirge 1799«. Er stieg ja auf die Schneekoppe und verkündete da seine »Hymne an die Sonne«. Für uns eine Gelegenheit, mit so einer Ausstellung den möglichen Interessentenkreis für Kleist zu erweitern. Und so hinterfragten wir die Umstände der Reise. Wie reiste man damals? Wie lange dauerten Wegstrecken? Wie sah es in den Bauden zu jener Zeit aus?

Gibt es noch einen Phantomschmerz bezüglich des Theaters, das Frankfurt vor Jahren verlor?
Das war vor meiner Zeit. Durch die Schließung sind wir gewissermaßen woanders hingespült worden, und da haben wir uns nun zu bewähren. Der Kunstsinn derer, denen das Theater am Herzen lag, tut sicher nach wie vor weh, nicht nur die demographische Entwicklung lieferte Gegenargumente. Es geht seither um neue Wege, deshalb schmiedeten wir die besagte Achse nach Berlin, in Kooperation mit der Kleist-Gesellschaft. Armin Petras vom Maxim Gorki Theater – er war ja früher hier am Theater – wird in diesem Jahr alle Kleist-Stücke aufführen, auch Frankfurt ist ein Premierenort für diesen Zyklus.

Die Hamburger »Zeit« fragte kürzlich, wie gefährlich Kleist sei. Wie gefährlich ist er denn?
Seine Zerrissenheit, dieser Welt-und-Ich-Schmerz, der höchste Sprache wurde – das ist nach wie vor eine Provokation. Er stößt einem ins Herz, er stößt an, oder er stößt vor den Kopf. Aber er ist ein Autor geblieben, zu dem man sich verhalten muss, er erlaubt keine Distanz. Wer sich ihm nähert, stößt sich ab vom Boden der Geläufigkeiten, verliert einen bestimmten Boden unter den Füßen.

Ja, der Mann ist gefährlich.
Also sollte man alle Vorsicht – ablegen. Danke für das Gespräch.

Interview: Hans-Dieter Schütt

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