Von Stefan Otto

Schlichtungsrunde mit seltsamen Blüten

Kompromiss um eine Neugestaltung der Kastanienallee in Prenzlauer Berg vorerst gescheitert

Im Restaurant »Pasta & Passione« hängt ein großes Poster. Es zeigt eine Momentaufnahme aus einer lauen Sommernacht in der Kastanienallee: Flaneure lungern auf der Baustelle der Straßenbahntrasse herum und haben die noch unverlegten Gleise als Sitzbank in Beschlag genommen. Die Szene strahlt eine Gemächlichkeit aus, die seit Jahrzehnten das Flair der Kastanienallee ausmacht. Skeptiker der geplanten Straßensanierung befürchten, dass dieser Charakter verloren geht. Ihr Misstrauen gegen eine Veränderung sitzt tief und erschwert das Finden eines Kompromisses.
Mehr Platz für Radfahrer und weniger für parkende Pkw
Mehr Platz für Radfahrer und weniger für parkende Pkw soll die Kastanienallee zukünftig bieten.

Die Schlichtungsrunde in der Kastanienallee ist beendet und alle Beteiligten sind unzufrieden. Seit Anfang Dezember saßen Bürgerinitiativen, Grüne, Gewerbetreibende und Anwohner an einem Tisch, ohne jedoch ihre Forderungen unter einen Hut zu bringen, um den Protest vereint an die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) heranzutragen. Der Moderator der Verhandlungen, Heiner Funken, mahnt dennoch die Bezirkspolitik, dass es ohne eine befriedete Situation erneut zu Protesten kommen werde – spätestens wenn im März wieder die Bauarbeiten beginnen: »Die Straße befürwortet den Umbau bislang noch nicht«, da ist er sich sicher.

Der Baustadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne) bedauert die ergebnislose Schlichtung. Er machte auf einem Treffen kurz vor Weihnachten aus seiner Sicht weitreichende Zugeständnisse: Den Vorschlag der Initiative Carambolage, die Parkplätze mit Bänken, Fahrradständern und Pflanzkübeln einzurahmen, um die sich die Anwohner kümmern, möchte er unterstützen. Zudem will er insgesamt die Zahl der parkenden Autos reduzieren. »Es ist nicht unser Ziel, einen Haufen Blech am Straßenrand zu haben.« Derzeit parken auf der Kastanienallee rund 150 Autos, der Bezirk will nach dem Umbau nur noch 85 Autos zulassen.

Kirchner stemmt sich gegen seinen Ruf als Kahlschlagsanierer in der Kastanienallee. Dabei habe der Bezirk anfangs nur die buckeligen Gehwege erneuern wollen, beteuert der Stadtrat – doch mit dem überschaubaren Vorhaben wurde eine Lawine losgetreten: Die Radfahrervereinigung ADFC wies darauf hin, dass es auf der Kastanienallee häufig Fahrradunfälle gibt. Eine Richtlinie der Senatsverwaltung fordert ohnehin eine Fahrradspur am Straßenrand. Das wiederum freut die BVG. Denn bislang blockieren Radfahrer auf dem Gleis den Verkehrsfluss. Für eine Fahrradspur am Straßenrand müssen allerdings die Autos auf dem unteren Gehweg parken, und das ist der Ursprung des Unmuts.

Für die Kritiker macht das in der Summe: ein schmalerer Gehsteig und bessere Bedingungen für den Autoverkehr. Die Gemüter erhitzten sich jedoch in den Schlichtungsrunden immer weniger an den künftig zwischen den Kastanien parkenden Autos, sondern am zusätzlichen Fahrradstreifen. Für Heiner Funken eine müßige Diskussion: »Das sind Befindlichkeiten, die für uns in drei Jahren nicht mehr nachvollziehbar sein werden.« Er zweifelt daran, dass ausgerechnet ein Radweg den Charme der Kastanienallee zerstören wird.

Trotz der vorerst gescheiterten Verhandlungen hält Funken Kompromissbereitschaft für unerlässlich. Nur dann könnten die Kritiker der Straßensanierung ihren Protest wirksam gegenüber der BVV äußern. An die Bezirkspolitiker appelliert er, weiterhin auf die Bürger zuzugehen. Er hofft darauf, dass die BVV die Bauarbeiten solange ruhen lässt, bis eine Anwohnerbefragung ermittelt, welche Gestaltung sich die Anlieger wünschen. Jens-Holger Kirchner zeigt sich mit dem Vorschlag einverstanden. Das Ende der ersten Verhandlungsrunde bedeutet nicht das Ende der Diskussionen.

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