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Museum in Casoria bittet Angela Merkel um Asyl

Italienische Kunstsammlung sucht Hilfe und Schutz vor der Camorra

  • Von Anna Maldini, Rom
  • Lesedauer: 4 Min.
Das Museum in Casoria mit deutscher Flagge
Das Museum in Casoria mit deutscher Flagge

Casoria ist eine typische Kleinstadt im Hinterland von Neapel: viel Bauspekulation, wenig Arbeitsplätze, ein paar Kirchen und praktisch überhaupt keine kulturellen Einrichtung. Für die knapp 100 000 Einwohner gibt es kein Kino und erst recht kein Theater. Hier herrscht die Camorra. Aber dann ist da doch einen Lichtblick. Das CAM (Casoria Contemporary Art Museum), eine Sammlung zeitgenössischer Kunst aus aller Welt, untergebracht auf 1000 Quadratmetern in einer alten und mit viel Liebe und Sachverstand renovierten Schule.

Noch gibt es das CAM. Aber angesichts aller Schwierigkeiten sieht Gründer und Leiter Antonio Manfredi jetzt nur noch zwei Möglichkeiten: Entweder er schließt das Museum – oder aber er verpflanzt es anderswo hin. Deshalb hat er mit einer wohl einzigartigen Initiative kulturpolitisches Asyl in Deutschland beantragt. Die Antwort steht noch aus.

Seit fünf Jahren gibt es das CAM. Erst sollte es von der Stadtverwaltung mit finanziert werden. Als diese dann absprang, krempelte der international bekannte Künstler Antonio Manfredi, Jahrgang 1961, selbst die Ärmel hoch. Mit wenig Geld, viel Enthusiasmus und einigen Helfern baute er eine leer stehende Schule zu einem modernen Museum um, das nicht nur über Ausstellungsräume, sondern auch über ein kleines Theater, eine Bibliothek und einige Seminarräume verfügt. Er knüpfte Kontakte zu Universitäten, die ihm auch regelmäßig Doktoranden schicken, und anderen staatlichen Kultureinrichtungen. »Alle finden unsere Arbeit gut«, sagt er in einem Gespräch mit ND, »aber finanzielle Mittel bekommen wir keine. Ich habe mich wirklich an alle denkbaren Institutionen gewandt, vom Innen- bis zum Kulturminister, an den Polizeipräsidenten und an Dutzende von Politikern. Und ich habe nie auch nur eine Antwort erhalten.«

Als dann, nur wenige Kilometer von Casoria entfernt, einige Häuser des Weltkulturerbes Pompeji einstürzten, hat er endgültig die Hoffnung verloren: »Wenn der italienische Staat schon nicht in der Lage ist, ein Kulturgut zu schützen, das der ganzen Welt gehört, wie kann ich dann erwarten, dass sich irgendjemand um uns kümmert.« Und also hat er sich in einem langen Brief an die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel gewandt und sie gebeten, das Museum doch zu adoptieren. »Ich möchte die gesamte Sammlung, die inzwischen aus über 1000 Objekten besteht, irgendwohin nach Deutschland bringen. Und dann werde ich sie zusammen mit meinen Mitarbeitern hegen und pflegen – wenn man uns die Möglichkeit dazu gibt.«

Die Schwierigkeiten, mit denen das CAM zu kämpfen hat, sind aber nicht nur finanzieller Natur. »Mindestens genauso schlimm«, sagt Manfredi, »sind die sozialen Schwierigkeiten.« Und damit ist eindeutig die organisierte Kriminalität, ist die Camorra gemeint. »Zuerst hat man uns mehr oder weniger ignoriert. Aber vor etwa drei Jahren haben wir eine Ausstellung mit dem Titel CamMorra gemacht. 100 Künstler haben Werke zu diesem Thema vorgelegt. Und die Drohungen begannen«. Allerdings sind diese selten explizit. »Die Camorra macht Andeutungen, die man nur wirklich versteht, wenn man sich hier auskennt.«

So bekam der Leiter des CAM am Abend vor der Eröffnung dieser Ausstellung einen Anruf, bei dem man in freundlich darauf hinwies, dass das Gebäude nicht sicher sei. Ein paar Tage später dann ein weiterer Anruf. »Dieses Mal war es nur ein Satz«, erinnert sich Manfredi: »Haltet die Mäntel bereit, bald ist Weihnachten.« Wer sich in der Sprache der Camorra auskennt, weiß, dass mit »Mänteln« Särge gemeint sind. Als eine große Ausstellung zur zeitgenössischen Kunst in Afrika organisiert wurde, zu der auch noch einige Künstler persönlich kamen, wurde es deutlicher: »Vor der Eingangstür wurde eine schwarze Puppe aufgeknüpft!«

Jetzt ist Antonio Manfredi müde. »Keiner scheint sich dafür zu begeistern, dass wir große Künstler nach Casoria holen, dass unsere Werke als Leihgabe in die ganze Welt gehen«, sagt er. »Niemanden scheint unsere Arbeit hier wirklich zu interessieren. Niemanden – außer die Camorra.« Und also hat er sich an die Bundesrepublik Deutschland gewandt. Mit der kleinen Hoffnung, dass seine Provokation vielleicht in Italien doch noch jemanden aufrüttelt.

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